Wenn man auf Social-Media-Kanälen diverser Kryptowährungs-Jünger deren Standpunkte zu Regulierung anhört, kann man das wie folgt zusammenfassen: "Aufklärungspflicht, Registrierung bei Finanzbehörden, Fit-&-Propper-Tests, der bürokratische Wahnsinn im Finanzgeschäft, das ist innovationsfeindlich und überhaupt haben die Anzugträger keine Ahnung, wie das Finanzwesen der Zukunft läuft, die erkennen einfach nicht das Potenzial von Web3.0, NFT oder Bitcoin."

Freilich gibt es auch grundseriöse Unternehmen in dem Bereich, die Regeln begrüßen und bei der Finanzmarktaufsicht registriert sind. Hinter vorgehaltener Hand hört man auch hier Beschwerden über Bürokratie. Das sei ein Hindernis in einem globalen Markt mit Anbietern aus Staaten, die "innovationsfreundlich" sind und "offen gegenüber Kryptowährungen". Genannt werden Länder wie das bitterarme El Salvador, das Bitcoin als Währung akzeptiert, oder Singapur sowie Karibik-Inseln. So mancher Investor in Bitcoin, Ether und Co. beneidet die "paradiesischen" Bedingungen für Kryptowährungen in diesen Staaten.

Doch aktuell holt der nächste Sündenfall die Krypto-Träumer auf den Boden der Realität zurück. Der Kollaps der Kryptobörse FTX mit Sitz auf den Bahamas offenbart die Naivität, mit der Menschen in diesem Markt mehr als 13 Jahre nach dem Start von Bitcoin agieren. Im Zentrum des Skandals steht der 30-jährige Sam Bankman-Fried, ein Star der Szene. Mit Wahlkampfspenden lobbyierte er in den USA für lockere Regeln im Kryptobereich, noch im Sommer versprach er, sein damals auf 21 Milliarden Dollar geschätztes Vermögen für gemeinnützige Projekte zu verwenden. Doch dieses Vermögen hat es so wohl nie gegeben.

FTX-Kunden kamen erst Zweifel, nachdem am Wochenende öffentlich wurde, dass die Sicherheiten des ebenfalls von Bankman-Fried gegründeten Investmentfonds Alameda vor allem aus den Kryptotoken "FTT" bestanden. Dabei handelt es sich um eine Art digitale Gutscheine von FTX, die in beliebiger Menge erzeugt werden können. Schnell versuchten die Kunden, ihre Kryptowährungen von der Börse zu beheben, bis Abhebungen gestoppt wurden. Zu dem Zeitpunkt hatte FTX in der Bilanz nur noch wenige Bitcoins. Der Verdacht liegt nahe, dass Kundengelder im Milliarden-Dollar-Bereich verspekuliert wurden. Inzwischen hat FTX Insolvenz nach Chapter 11 angemeldet.

Eben solche Vorkommnisse zeigen deutlich, wofür es die Regeln im Finanzwesen braucht – auch wenn sie mühsam sind. Sie zeigen, wie wichtig es ist, dass eine Finanzmarktaufsicht regelmäßig bei solchen Kryptohändlern aufschlägt. Fälle wie diese verdeutlichen auch, wie überfällig eine EU-weite Regulierung ist, die mit "MiCA" wohl noch heuer in Kraft tritt und ab 2024 in Vollanwendung ist. Spät, aber doch. Dann muss endlich Schluss sein mit Krypto-Traumtänzern in ihren 20ern, die unbedarften Kunden Geld abschwatzen.