Kolumne Der Gorillavorfall - woran liegt es, wen wir unter Masken vermuten?

Woran liegt es, wen wir unter Masken vermuten? Von Begegnungen mit Affen, die erschreckend, aber auch erhebend sein können.

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

In der Schweiz kam es auf einer Konferenz kürzlich zu einem Vorfall, den die einen tragisch und die anderen amüsant nennen wollen, und wie so oft kommt die Wahrheit als Kippbild daher, das je nach Blick beiden Versionen recht zu geben vermag. Ein Referent sprach zum Thema der Veranstaltung – „Hass“ – und wurde von einem in einem Ganzkörpergorillakostüm steckenden Mann, der erratisch im Saal herumwanderte, mal schweigend am Podium stand, mal hinter ihm Platz nahm, in Angst und Schrecken versetzt.

Hinterher, so hieß es von Zeugen, prügelte sich der aufgeregte Mann mit dem Performancekünstler, der ohne das Wissen der Vortragenden zur Auflockerung und Dynamisierung der spröden Materie engagiert worden war, als dieser sich wiederholt weigerte, die Affenmaske abzunehmen. Die einen lachten, der Experte reklamierte ein Trauma, und schlug die Entschuldigung des Veranstalters für das so grobe Missverständnis aus. Es ist möglich, dass er beim Versuch der Enttarnung an alte Märchen und Sagen dachte, in denen die Verwandlungen erst durch rohe Gewalt aufzulösen sind, die in Tiergestalt verzauberten Menschen erst wieder Mensch werden, wenn die Prinzessin den Frosch gegen die Wand wirft, oder der Held der weißen Katze den Kopf abschlägt. Worin er den Gorilla verwandelt sehen wollte, ist nicht überliefert, genau so, wie man nicht weiß, ob unter der Maske vielleicht doch nur ein Affe im Menschenkostüm hervorgekommen wäre, wie es im Matrjoschkaspiel der übereinandergeschichteten Identitäten manchmal passieren kann.

Und mitunter hängt schließlich, wer der eine ist, auch davon ab, welcher andere ihn ansieht, als prägte schon der Blick das Bild, und dann wird es stets kompliziert, und nichts scheint der Welt mehr Spaß zu machen.
Ich selbst habe sowohl Erfahrung mit Missverständnissen als auch mit Gorillas, bin vor ein paar Jahren in Bwindi, im Impenetrable Forest im Südwesten Ugandas einer Gruppe der gewaltigen, schönen, bedrohten und bedrohlichen Tiere begegnet. In den undurchdringlichen alten Wäldern, mit Bäumen hoch wie Wolkenkratzern, im höllischen und paradiesischen Grün des Dschungels saßen die Menschenaffen zwischen Farnen und Gräsern und Büschen und sahen einen so still an, dass ich den Atem anhielt.

Nicht in Angst und Schrecken war ich versetzt, aber in Ehrfurcht, wie es passiert, wenn die große Welt einen anrührt. Ein mächtiger Silberrücken, der bloß zwei Meter entfernt war, war entzückt vom sanften Rollen des Films meiner Polaroidkamera, folgte dem Geräusch mit den Augen, blickte auf meine kleine seltsame Maschine und streckte träumerisch die Hand danach aus, bevor er sie abrupt sinken ließ, als hätte er sich im letzten Augenblick besonnen, die Grenze zwischen Mensch und Tier nicht aufzuheben. Aber gerne hätte ich gewusst: Was in uns beiden hervorgekommen wäre, hätte er zugegriffen, und ein Bild von mir gemacht, statt umgekehrt.

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