Gespräch in der RedaktionKurz, Kahr, Kelomat: Eine Begegnung

Der Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

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Hubert Patterer
Hubert Patterer © Kleine Zeitung
 

Guten Morgen!

Gestern am frühen Abend: Einstündige Begegnung mit einer sehr klugen, energetischen Leserin, die nach drei Jahrzehnten Zugehörigkeit das Abonnement der Zeitung gekündigt hat. Zur Begrüßung sagt sie: „Ich warne Sie, ich bin ein Kelomat mit zwei Ringen“. In einem dreiseitigen, eng bedruckten Brief hatte die Frau, die sich als Grazerin mit zwei Hunden und einer Hunderunde beschrieb, die Gründe für die Trennung dargelegt. Wir haben Sie darauf hin zum Gespräch in die Redaktion eingeladen. Sie sei fanatische Leserin „vom Leitartikel bis hinten zur Queen“ gewesen und markiert gleich zu Beginn die Bruchlinie: In die Zeitung habe sich ein falscher Ton eingeschlichen und aus dem falschen Ton ein Missverhältnis, das ihr körperlichen Schmerz bereitet habe: Auf der einen Seite eine orchestriert wirkende Eindunkelung der kommunistischen Wahlsiegerin, über die wir „aus Solidarität mit den alten Verhältnissen“ den ganzen Ballast der historischen Vergangenheit ausgeschüttet hätten, und auf der anderen Seite: Verniedlichung der Verantwortung des Ex-Kanzlers Sebastian Kurz, der nur an seinem Umfeld gescheitert sei, aber nicht an sich selbst. Fassadenkosmetik als Hygiene-Angebot: Das sei ihr ein bissl sehr kümmerlich vorgekommen in der Ausrichtung der Kommentierung. Dazu noch die Ablehnung eines Anti-Kurz-Viererbündnisses unter Einbeziehung der FPÖ: Jetzt plötzlich ist die FPÖ ein Problem? Vielleicht hätten wir anstelle der Funktionärs- und Kandidateninterviews besser sie, die Leserin, auf ihrer Göstinger Hunderunde begleiten sollen. Vielleicht hätten wir dann die prekäre Stimmungslage erspürt und seien nicht so konsterniert danebengelegen. Der Kelomat vibrierte.

Kommentare (3)
rouge
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Schlagseite

Die „kluge Leserin aus Gösting“ hat es richtig erkannt. In vielen Kommentaren wird das Verhalten von Kurz heruntergespielt, verharmlost und zum Teil trotzig verteidigt.
Über Kahr hingegen wird nach kurzer Schockstarre die komplette Alt-Kommunismus-Gülle ausgeschüttet. Dass sie aufgrund ihrer sozialen Fähigkeiten und ihrem anderen Zugang zur Kommunalpolitik gewählt wurde, wird oft unterschlagen.
Die Beton-Stau-Feinstaub-Pahnatasieprojekte-Politik Nagls hat viele Grazer einfach nur noch angewidert.

buspepi
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Wie dieser Leserin geht es wohl vielen Menschen im Moment

wenn ich auch die Berichterstattung der "Kleinen Zeitung" in beiden Hauptthemenfeldern noch ausgewogener erlebt habe, als in anderen Medien. Dass der Stalinismus allerorten ausgegraben wurde, weil sich gegen die KPÖ sonst wenig sagen ließe, lässt mich jedoch teilweise ratlos zurück.

Bitter ist auch, dass manche Kommentatorinnen und Kommentatoren sich offenbar am Wort "kommunistisch" störten, als ob "sozialistisch" oder "christlich-sozial" nicht auch zu unterschiedlichen Zeiten durchaus unterschiedliche Inhalte, zumindest unterschiedlich zu den heute damit verbundenen, gehabt hätten. Der Grazer KPÖ ein frisches Namensmäntelchen ("Die Linke" oder dgl.) umzuhängen hätte also gereicht?

Im Gegenteil: ich finde es zu begrüßen, dass diese Kleinpartei mit durchaus problematischer Parteigeschichte sich der Auseinandersetzung damit nicht entzieht, sondern sie aktiv seit vielen Jahren betreibt, mehr als andere Parteien das tun oder getan haben. Umso größer ist daher für mich die Enttäuschung, dass viele (Gast)Kommentatoren diese reichhaltige Aufarbeitungsliteratur offenbar nicht gelesen haben, sondern der Einfachheit halber stereotype Keulen ausgepackt haben.

Was Murgg im belarussischen Fernsehen zu suchen hatte steht dennoch auf einem anderen Blatt.
Was Raiffeisen & Co in dieser Diktatur zu suchen haben allerdings auch.

feringo
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Die eigene KlZtg-Kommentar-Tribüne - Wow!

Naja, da sieht man wieder einmal, wer laut genug und drohend auftritt bekommt einen Stockerlplatz. Etliche andere Leser schreiben auch kluge Kommentare. Wäre schön, wenn auch diese eine erhöhte Tribüne bekämen.