Kolumne Valerie Fritsch und der Lesungswahnsinn

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Mein letzter Roman erschien wenige Tage vor dem offiziellen Ausruf einer ungekannten, nie da gewesenen Pandemie, und während sich auf der Premiere noch einige Hunderte Leute drängten, hoffte man schon Stunden später kein Superspreaderevent gewesen zu sein, das die zartbesaiteten Literaturliebhaber hinwegraffte, die Leser fraß, die ohnehin so leicht verloren gehen in der Welt. Ich versenkte, so wie viele andere Künstler, viele Jahre Arbeit und Herzblut, in einem Virusausbruch, in dem alle Lesetourneen, Auftritte und Veranstaltungen verschwanden, und der die Buchhandelsinfrastruktur für Monate zusammenbrechen ließ, und musste einsehen, eine Pandemie ist schlussendlich nicht der optimale Zeitpunkt für Romanneuerscheinungen.

Am meisten fehlten mir in jener Zeit die Lesungen, denn Lesungen sind eine äußerst merkwürdige und ausgesprochen wunderbare Schnittstelle von Schreiber, Leser und allen Buchstaben, die zwischen denselben beiden und der Welt verhandelt werden. Über die Jahre habe ich einiges erlebt in diesem Beruf, las in der Botschaft in Kenia, während die Affen durch die Fenster auf die Diplomaten starrten, saß empört verhüllt im iranischen Staatsfernsehen, als mein Übersetzer aus meinen kurzen Ja- und Nein-Antworten minutenlange Monologe zusammenzimmerte, lagerte erst kürzlich mit einem Mikrofon mitten in einem Wald im Waldviertel, um über Literatur und Schmerz zu sprechen, und die herbeigebrachten Stühle versanken in Nadeln und Blättern und das Publikum schien direkt neben den hohen Gräsern aus dem Boden hervorzuwachsen.

Nicht nur die Orte, an die man gelangt, aber auch die Menschen, denen man begegnet sind mitunter mehr als ungewöhnlich, mal auf die schönste, mal auf die unangenehmste Art und Weise. Dann kann es vorkommen, dass ein Herr mit Radlerhosen und Kruzifix schreiend auf die Bühne stürmt, eine mysteriöse Dame einem einen Zettel mit ihrer Telefonnummer und dem Versprechen einer unerhörten Geschichte in die Hand drückt, ein Veranstalter einem eine fröhliche Schallplatte schenkt, weil man als junge Frau doch nicht nur so ernste Bücher schreiben dürfe. Eine Zeit lang wurden mir an jedem Veranstaltungsort, wie weit der eine auch vom anderen entfernt lag, bedrohliche Briefe zwischen Liebe und Hass hinterlegt, die erst aufhörten, als der Unbekannte mit einem Schlag zum Bekannten wurde und mich am Ende einer Lesung so bedrängte, dass die Security der Buchmesse ihn hinausbegleiten musste.

Oft gibt es Missverständnisse, wenn Menschen mit den Ideen von Berechtigung und Selbstermächtigung durcheinanderkommen, glauben, durch die Lektüre der Gedanken eines Autors – zweifellos eine abstrakt intime Angelegenheit – stünde ihnen in der Wirklichkeit ebenfalls eine Intimität zu, die schnell zum Übergriff, manchmal zur Straftat wird. Dabei gibt es oft nichts Schöneres, als seinen Lesern zu begegnen, ihre Geschichten zu hören, auf ihre Gedanken zu stoßen: das Gesicht auf der anderen Seite des Buches zu sehen.

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