Auf Servus TVKurz übt Selbstbezichtigung: "Nicht alle Entscheidungen können richtig sein"

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Adolf Winkler
Adolf Winkler © Kleine Zeitung
 

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„Ich habe die Regeln der Sprache nicht beachtet. Ich habe Sprachverstöße begangen. Ich habe Worte ohne Gedanken gebraucht…“ Aus: Peter Handke, Selbstbezichtigung, 1965.

Zeitgleich kehrten Sebastian Kurz und Stefanie Reinsperger zurück auf die öffentliche Bühne. Die Schauspielerin aus der Corona-Zwangspause mit Peter Handkes Monologstück „Selbstbezichtigung“ beim Klagenfurt Festival, der Bundeskanzler bei der Rückkehr aus der politischen Sommerpause im Servus-TV-Gespräch mit Michael Fleischhacker mit Selbstbezichtigung zur Causa ÖBAG. Zum umstrittenen Bestellungsvorgang des inzwischen abgelösten ÖBAG-Vorstandes Thomas Schmid  (WhatsApp-Nachricht: „Kriegst eh alles.“)  räumte Kurz Sonntagabend in Servus TV Fehler ein: Schon aufgrund der Dichte der Termine und der Entscheidungen, die er zu treffen habe, könne „nicht jede Formulierung richtig sein“. Und es könne auch „nicht jede Entscheidung richtig sein. Das ist eine Last, die man auf den Schultern trägt.“

„Ich habe gesprochen. Ich habe ausgesprochen. Ich habe ausgesprochen, was andere schon gedacht haben. Ich habe der öffentlichen Meinung Ausdruck gegeben.“ Aus: Peter Handke, Selbstbezichtigung, 1965.

„Sie können Sich nicht vorstellen, wie schön es ist, das wieder zu hören." Stefanie Reinsperger hatte Tränen in den Augen, als sie dies nach ihrer furiosen Darbietung mit einer Umarmungsbewegung zum Klagenfurter Publikum dankbar für die Standing Ovations sagte. Sebastian Kurz wiederum erntete jedenfalls auch Anerkennung in der nachfolgenden Kommentierungsrunde bei Servus TV. Wolfgang Rosam lobte Kurz für das erstmalige Eingestehen von Fehlern. Sogar die strenge Anneliese Rohrer sah beim Kanzler „eine gewisse Lernkurve“ gegeben. Hingegen blieb der Bundeskanzler zum Thema Afghanistan im Gespräch mit Fleischhacker bei seiner Linie, keine Flüchtlinge aufzunehmen und stattdessen in Afghanistan und dessen Anrainerstaaten Hilfe zu gewähren.

„Ich bin in ein Staatsgebiet eingereist, in das einzureisen verboten war…Ich bin rechts von Personen gegangen, auf deren rechter Seite zu gehen gedankenlos war…Ich bin bei gebotener Hilfeleistung weitergegangen.“ Aus: Peter Handke, Selbstbezichtigung, 1965.

Was bleibt Lou Lorenz-Dittlbacher noch für das heutige TV-Sommergespräch mit Sebastian Kurz im ORF? Jedenfalls das unerschöpfliche Thema Corona, bei dem der Bundeskanzler auch bei Michael Fleischhacker bei vorsichtiger Unverbindlichkeit blieb: „Niemand kann vorhersagen, wie der Herbst oder der Winter wird.“ Dem Beispiel Dänemarks, alle Corona-Beschränkungen aufzuheben, könne Österreich gerne folgen – aber erst bei ebenfalls 80 Prozent Impfquote der Gesamtbevölkerung wie in Dänemark. „Eine Impfpflicht will niemand. Ich gebe aber zu, dass mir die Impfung lieber ist, als ein weiterer Lockdown. Je höher die Impfquote desto weniger Maßnahmen“, hält Kurz Verschwörungsanhängern entgegen. „Mein schönster Tag als Bundeskanzler wird sein, wenn es keine Maßnahmen und Verordnungen mehr braucht. Wir müssen als Land zusammenhalten.“

„Ich bin auf Wegen gegangen, auf denen ziellos zu gehen sündhaft war. Ich bin zielbewusst gegangen, wenn ziellos zu gehen geboten war. Ich bin auf Wegen gegangen, auf denen mit einem Ziel zu gehen verboten war.“ Aus: Peter Handke: Selbstbezichtigung, 1965.

„Passen wir gut aufeinander auf“, sagte, ebenfalls am Sonntagabend und ebenfalls beim Klagenfurt Festival, Klaus Maria Brandauer unter dem tosenden Applaus des Publikums im Klagenfurter Stadttheater. Mit seiner ungeheuren Schauspielkraft hatte er die Besucher mit großer Betroffenheit in den Bann des verlesenen Buchtextes gezogen: „Die Tagesordnung“ von Éric Vuillard. Er schildert minutiös den Weg in den Untergang des Humanen mit Holocaust und Zweitem Weltkrieg – von der Unterstützung des deutschen Industriekapitals für den neuen Reichskanzler Hitler bis zur Selbstaufgabe Österreichs vor den Nazis: „Die größten Katastrophen schleichen sich leise ein.“

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