Kolumne Valerie Fritsch: Die Blumen des Bösen

War der Gärtner immer der Mörder? Muss nicht sein, denn die Botanik kann auch in Verbrechen ein höchst zuverlässiger Zeuge sein.

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Kürzlich stieß ich auf eine mir vollkommen unbekannte Disziplin, die ich in ihrer poetischen Funktionsweise und diskreten Klugheit gleich ins Herz schloss. Die forensische Palynologie, die in der Kriminalistik gebrauchte Wissenschaft der Pollenanalyse, die Lehre vom ausgestreuten Staub hat es mir angetan, sobald ich von ihrer Existenz wusste. Denn ich lernte, dass jedem Ort ein ureigenes Pollenprofil eigen ist, das ihn verraten kann, dass es als unverwechselbar gilt und durch fast nichts zu zerstören, und so mitunter schwer zu lösende Mordfälle löst, wenn man im Dunkeln tappt und um Fund-, Tat- und Wohnort des Täters rätselt.

Die winzigen Körner sind Miniatur-Zeugen, die an Schuhwerk und Kleidung, in Lunge und Haar haften, und erzählen von der Art Gartengewächs, an der man angestreift ist, von einem bestimmten Baum, der in der Nähe stand, von einer Wiesenblume, die nur in einer einzigen Gegend vorkommt. Es sind konkrete Geschichten von Orten, Karten der zurückgelegten Wege sozusagen. War der Verdächtige zu Hause, oder ging er über ein Feld, hat er wirklich seine Mutter besucht, die die schönsten Hortensien im Garten züchtet, oder verbrachte er doch eher Zeit in einem Mischwald nahe der Stadt, stand er an jener Bushaltestelle, wo man das Opfer zuletzt gesehen, und an deren Seiten die Gemeinde zur allgemeinen Verschönerung Blumentröge aufgestellt hat. Gegen DNA-Spuren kann sich der umsichtige Täter wappnen, aber von den verräterischen Pollen weiß er nichts.

Es ist eine unsichtbare Markierung. Die Welt blüht, strotzt, sprozt, verdorrt schließlich überall, verschickt sich selbst partikelweise mit dem Wind und schon ist man adressiert, mit einem Stempel des Ortes versehen, und merkt es gar nicht. Es beweist, was man einem inneren Drang folgend, sooft beweisen will: Jeder kommt irgendwoher, alles hinterlässt Spuren. Ich mag die einfache Idee, dass am Ende eine Birke einen Mörder zur Strecke bringt, eine Sonnenblume zum Verhängnis wird, ein Gras eine Angelegenheit aufdeckt, statt über sie zu wachsen.
Wenn man auf diese Art und Weise an forensische Palynologie denkt, an die Macht und Gewalt der Botanik, kommen dem Literaturaffinen assoziativ gleich die Blumen des Bösen in den Sinn.

Im Französischen Les Fleurs du Mal, ein Gedichtband Charles Baudelaires, der mit seinen als anstößig befundenen Gedichten im 19. Jahrhundert für Aufregungen sorgte, und wegen Verletzung der öffentlichen Moral verurteilt wurde. Oder man denkt weiter an Reinhard Mey und dessen Lied, das zur Verbindung Pflanzen und Tod vermutet, dass der Mörder immer der Gärtner sei, auch wenn es sich schlussendlich als falsche Annahme herausstellt. Die forensische Palynologie nahm ihre Anfänge übrigens vor ein paar Jahrzehnten in Wiener Instituten, auch wenn man sie vergaß und erst kürzlich neu entdeckte, sieht man dort heute wieder nach, nicht, ob der Mörder der Gärtner war, aber eben durch welchen Garten der Mörder vielleicht ging.

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