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KolumneDirk Stermann: Kein schöner Land

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Dirk Stermann
Dirk Stermann © (c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
 

Den Sommer verbringe ich auf dem Land, weil es dort so friedlich ist. Wenig Menschen und viel Natur im Gegensatz zur Stadt, wo es bei Hitze zu Wut und Aggression kommt. Ich habe ein Landklischee im Kopf, das sich aber mit der tatsächlichen Realität kaum deckt. Ich blicke auf Berge und Hügel und einen Hof und denke mir, herrlich, welches Idyll. Dann erzählen mir tatsächlich Einheimische, dass der Bauer sich erschossen hat und die Brüder sich wegen des Hofes regelmäßig prügeln. Na ja, sage ich. Eine Ausnahme bestimmt und ich blicke in eine andere Richtung, einen anderen Hof. Die Hühner gackern, die Kühe kacken, die Schweine liegen abgestochen in einer Tonne.

Die Bäuerin ist mit einer Nachbarsbäuerin durchgebrannt und der gehörnte Altbauer hat zu saufen begonnen. Ihm fehlt der linke Arm, der liegt in einer Rübenschneidemaschine. Obwohl, wahrscheinlich nicht mehr. So etwas lässt man nicht einfach liegen. Wahrscheinlich wurde der Arm entsorgt, in einer Tierverwertung. Der Vorteil an kleineren Gemeinden im Gegensatz zur großen Stadt ist die Verbundenheit der Leute. Man hilft sich, kennt sich seit Generationen.

„Der Meier hat sich erhängt. So ein Trottel“, sagt im Wirtshaus einer laut zum Wirten. „Wieso bringt sich der um? Der will doch nur im Gespräch bleiben. Zum 50er, zum 60er und wannst stirbst reden die Leut’ über dich. So ein eitler Hund, der Müller.“ Der Wirt nickt und ich merke mir, auch am Land weht ein rauer Ton.

„Das passt gar nicht hierher“, sage ich und der Wirt und der Gast sehen mich an, als hätte ich einen IQ, nicht höher als der Meeresspiegel meiner niederrheinischen Tiefebenen Heimat. „Was! Das sich wer heimdraht?“
„Ja und dass dann so schirch über den Toten geredet wird.“
„Nur weil hier die Viecher auf die Weide scheißen, ist das Leben da ja ka Paradies“, sagt der Gast. „Da habts es in der Stadt besser. Da brunzt kein Pferd auf die Straße.“

„Doch. Fiaker. Es sei denn, sie sterben vorher im Hochsommer am Hitzschlag“, sage ich. „Das macht dann hässliche Fotos in den Alben der Touristen.“

„Das gute am Land ist nur, dass es nicht die depperte Stadt ist“, sagt der Wirt und der Gast nickt.

„Und wo ist es dann wirklich gut?“, frage ich.

„Im Puff auf der Landstraße“, sagt der Gast und beide lachen. „Das Puff ist auf halber Strecke in die Stadt. Das ist das Paradies.“

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Plantago
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frei nach Nestroy:

"Das Landleben is guat, nur die Leut', die Leut' san a Gsindl!