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Kolumne Valerie Fritsch: Filme ohne Notausgang

Nur wenig kann so faszinieren wie das Kino: ein Loblied auf den unvergleichlichen Blick, den uns Film schenken kann.

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Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Kürzlich war ich das erste Mal seit den gefühlten und gelebten Ewigkeiten der Pandemie wieder im Kino, wies mich mit einem G aus und verschwand mit dem Seufzen der Erleichterten in der Welt der abgeriebenen Samtstühle und aufgehenden Vorhänge. Immer schon wollte ich den laufenden Bildern hinterherlaufen, war seit Kindertagen süchtig nach den großen und kleinen Erzählungen der Leinwände, und verrückt nach der Atmosphäre, die sie umgab: Die nervösen Erwartungen der Liebespaare, das Knirschen von herabgefallenem Popcorn am Boden, der weiche, abgeschmierte Stoff der Sitzreihen, der Geruch von Fensterlosigkeit in den Räumen, die schöne, vollständige Dunkelheit, die vom Leuchten der Notausgänge gestört wird, als gebe es einen Ausweg aus einem guten Film.

Dass man nicht entkommen kann, ist einer der Reize der Lichtspieltheater, sie versprechen einem immer wieder aufs Neue die Gnadenlosigkeit des Schauens und die Unmittelbarkeit des Sehens. Im schlimmsten Fall ist das Geschaute langweilig, im besten Falle unvergesslich. Als ich vierzehn war, besuchte ich mit meiner Großmutter, die das Haus schon damals kaum verließ, die Romantikkomödie „Love Actually“, „Tatsächlich Liebe“, eine Hollywoodproduktion und Unvermeidlichkeit, die man noch heute stets um die Weihnachtsfeiertage Tag und Nacht durch alle Fernsehkanäle flimmern sieht und für sie eine endgültige Erfahrung.

Selbst die Erscheinung einer alten Filmschauspielerin, ein eleganter Star mit großen Sonnenbrillen, war es der erste Film, den sie seit vielen Jahren sah, und die Szene, in der zwei Pornodarsteller sich just während der Arbeitszeit verlieben, sich ineinandersteckend scheu unterhalten, hat sie gleichermaßen schwer beeindruckt und befremdet. Noch heute spricht sie mitunter davon, manche Bilder stempeln sich einem eben hinter die Stirn. Ich selbst liebe den cinématographischen Blick auf die Welt, das 16:9 Auge, die klassischen Perspektiven des Films, das Leben im Leinwandformat.

Wenn ich für ein paar Tage, ein paar Wochen keine Zeit habe Zuschauer zu sein, befällt mich eine rabiate Sehnsucht nach der Ästhetik dieser Form des Geschichtenerzählens, dem Licht, den Farben, dem Soundtrack, den Alltagsgeräuschen, derer man in Filmen plötzlich überdeutlich gewahr wird: das Tropfen eines Wasserhahns, der Flug eines Insekts, die Schritte eines Davongehenden.

Im Kino hat man Zeit für die Einzelheiten, an denen man im Alltag vorbeilebt, selten stehen bleibt, weil man sonst nicht weit kommen würde. Ich mag jene spröden Werke, die ihre Geschichten gerade in diesen Details auf den Nebenschauplätzen preisgeben, während mich die Grellheit und Vorhersehbarkeit der Hollywoodblockbuster oft abschreckt. Bloß wenn es um Actionkracher geht, in denen die Welt gar nicht weiß, an welcher Ecke sie nicht explodiert, kann mir – in der richtigen Stimmung – nichts zu banal sein. Dann verlasse ich das Kino stets in einer meiner Lieblingsstimmungen: auf Krawall gebürstet.

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