Bitte warten - Ihr Zugang wird eingerichtet.

Emotionaler AbschiedDer Herzton und was Rudolf Anschober nicht sagte

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

© 
 

Guten Morgen!

Am Abschied Rudolf Anschobers aus dem Gesundheitsministerium war vieles ungewöhnlich. Die Liste der Anomalien beginnt mit der tränenerstickten Stimme. Ohne falsche Scham verriet dieser routinierte Redner seine Gefühle, den Schmerz über den Verzicht auf eine Mammutaufgabe, die ihn beinahe zugrunde gerichtet hätte. Der Ton verriet, da spricht einer, der mit Leidenschaft am Werk ist – oder eben war.

Ungewöhnlich klangen die aufrichtigen Dankesworte an seine Mitarbeiter, die sehr private Anrede an seine Lebenspartnerin, die detailgenauen Auskünfte über seinen Gesundheitszustand und der Hinweis auf das zehn Jahre zurückliegende Burn-out. Es kommt in der Politik nicht oft vor, dass jemand so ungeschützt über so intime Themen spricht. Man hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu, dankbar über einen Herzton, der im öffentlichen Leben sonst fehlt.

Ungewöhnlich war auch, was Rudolf Anschober nicht sagte. Für den Koalitionspartner, der ihm besonders in der Endphase seiner Amtszeit mit mancherlei Solidaritätsverweigerung das Leben schwer gemacht hatte, wählte Anschober die härteste Äußerung, die man im politischen Betrieb wählen kann: Schweigen. Die ÖVP, allen voran Bundeskanzler Sebastian Kurz, kam in der zwanzig Minuten langen Rede überhaupt nicht vor. Lediglich ein zarter Hinweis auf parteitaktische Manöver und Populismus konnten als Gruß an den fernen Partner gelesen werden, aber die zarte Kritik kann sich auf viele bezogen haben, auch auf Landeshauptleute und Gesundheitsreferenten unterschiedlicher Couleur.

Es war dieser Ton der Konzilianz, der Misshelligkeiten allenfalls anklingen ließ, aber nie für parteitaktische Terraingewinne nützte, der Anschobers Popularitätswerte hinaufgetrieben hatte. Es war dieser Ton, der ihm auch half, manch schweren Fehler im Umgang mit der Pandemie – von Pannen-Verordnungen über die gescheiterte App und Ampel bis zu verunglückten Impfbestellungen – wegzukommunizieren. Bis es zuletzt nicht mehr ging.  

Ungewöhnlich war die Ankündigung des vielleicht mächtigsten Ministers in der Regierung Kurz II, er werde nun seinen ersten Roman verfassen. Als man gerade glaubte, Zeuge einer brüsken Abkehr von der Politik geworden zu sein, wandte sich Anschober an die anwesenden Journalisten: „Und Ihnen sage ich: auf Wiedersehen.“

Einer, der seine Worte so genau setzt wie Rudolf Anschober, wirft auch so einen Gruß nicht achtlos hin. Man kann ihn eigentlich nur so verstehen: Es kommt eine Zeit nach der Rekonvaleszenz, rechnen Sie mit mir.

Kommentare (14)
Kommentieren
SchnoelzerHermann
0
1
Lesenswert?

Wer hilft mir?

Wenn Herr Hofer den Rudi Anschober als "Fehlbesetzung" abklassifiziert, wer kann mir bitte helfen, die richtige Klassifizierung für Frau Hartinger Klein zu finden?
Wenn's doch nur mehrere Anschober in unserer Regierung gäbe!
Ich sage jedenfalls Danke für sein ehrliches Bemühen!

hbratschi
0
0
Lesenswert?

hartinger zu klassifizeren,...

...das ist theoretisch einfach, praktisch aber unmöglich, da das dann ganz sicher der netiquette widerspräche...

stellaharry
1
37
Lesenswert?

Schade

dass der Respekt (für den Menschen und seine Aufgabe) , die Wertschätzung (oft allein schon fürs Bemühen), der Dank (sich und einen Teil seiner Lebenszeit für andere hinzugeben) von manchen erst kommt, wenn's zu spät ist ...

Mehr davon vorher und weniger Kritisieren, Herumnörgeln Besserwisserei und parteipolitische Wadlbeißerei würden uns wohl manche zur Schau getragenen Krokodilstränen ersparen ...

pianofisch
2
56
Lesenswert?

Anschi for President !

Er wäre dereinst ein wunderbarer Bundespräsident.
Meine Stimme hätte er. Und das endlich mal aus Überzeugung und nicht nur, um einen anderen Kandidaten (wie z.B. den leeren N. Hofer) zu verhindern.

rosmar
5
67
Lesenswert?

Ehrlich...

... und ruhig wie wir es von IHM gewohnt sind,
ist er zurückgetreten.
Danke !
Da sollen sich VIELE eine Scheibe abschneiden ...

Dianthus
74
7
Lesenswert?

Schweigen

Was Anschober auch nicht gesagt hat: Danke an die Bevölkerung, dass die Maßnahmen mitgetragen würden....

rosmar
1
36
Lesenswert?

... hat ER

... aber es gibt Leute, die hören nur was sie hören wohlen .

Bluebiru
1
42
Lesenswert?

@Dianthus

Das hat er doch gesagt!

thj123
0
47
Lesenswert?

Doch hat er

Doch hat er gestern in der PK.

Dianthus
53
3
Lesenswert?

aber nicht als Schlusssatz

und das wäre wichtig gewesen. Er hat sich nur bei den Personen bedankt die Mails schreiben und Kuchen schicken...

mobile49
0
26
Lesenswert?

@Dianthus

ach du arme/r
wurde dir nicht ganz persönlich gedankt ?
na so ein affront
ironie off

GordonKelz
10
166
Lesenswert?

Einer der ganz wenigen Politiker, vor denen...

man ACHTUNG hat! Die sind RAR in heutigen
Zeiten! DANKE Hr. ANSCHOBER !
Gordon Kelz

hbratschi
7
161
Lesenswert?

ich schätze politiker...

...vom schlag eines anschober sehr. intelligent, aufrichtig, solidarisch, einfach menschlich(!!!) und bemüht wirklich für "uns" das beste zu versuchen. deshalb danke und viel glück für die zukunft...👍😊
das mit dem roman fände ich nicht schlecht, so hat sich seinerzeit schon mitterlehner den frust über das system kurz von der seele geschrieben.. und ich glaube, es wissen beide worüber sie schreiben...

miedjose0
3
266
Lesenswert?

Danke

Er hat alles gegeben,trotz aller Schwächen,ist er einer der ehrlichsten und besten Politiker die wir zur Zeit haben.
Er hat sich unsere Achtung verdient.
Hat seine Gesundheit geopfert.