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KolumneDirk Stermann: Es gibt eine Welt, selbst die der Krankheiten, neben der Pandemie

Dirk Stermann
Dirk Stermann © APA/Georg Hochmuth
 

Dass es das gibt: sich kränklich fühlen, husten, schwitzen, Halsweh und dann ist es nicht Corona, sondern die gute alte Erkältung. Ich machte zwei Covid-Tests, weil ich es gar nicht glauben konnte. Dann hielt ich das Ergebnis in Händen. Negativ. Da musste ich während des Hustens fast lachen. Erst ungläubig, dann befreit. Ja, es gibt eine Welt, selbst die der Krankheiten, neben der Pandemie. Ich blieb trotzdem zu Hause, drei Tage, weil es für die Erkältung besser ist, und erkläre mal jemandem in der U-Bahn, warum du ihm gegenübersitzt, wenn du alle Symptome hast.

Tatsächlich hatte ich den ganzen Winter über niemanden getroffen, der erkältet war. In den Apotheken türmten sich die Medikamente, weil sie nicht benötigt wurden. Keine Grippe, keine verstopften Nasen. Wenn wer hustete, war’s Corona. Corona oder nichts. Jetzt warte ich auf die Impfung wie alle von uns, aber ich warte auch auf die Zeckenimpfung, weil die sollte ich jetzt endlich auch fertigmachen. Weil die Zecken sind da, ob Hygiene Austria Blödsinn macht oder nicht. Und das ist eigentlich doch sehr beruhigend, dass sich der Rest der Welt, Insekten und Pollen eingeschlossen, nichts schert, ob da jetzt weltweit auch noch was anderes im Gange ist.

Ich hätte meine Katzenallergie auch beim Untergang der Titanic gespürt, wenn in meiner Kabine eine Katze gewesen wäre. Auch beim Bau der Pyramiden hatte sicherlich einer der Arbeiter einen eingewachsenen Zehennagel und Napoleon ist in Waterloo vielleicht im Moment der Niederlage klar geworden, dass sein Fläschchen mit Kölnisch Wasser leer ist.

Man neigt dazu, zu glauben, dass das Kleine verschwindet, während das Große geschieht. Als die Monarchie zusammenbrach, war vielleicht gerade auch das Schlagobers schlecht geworden, sodass der arme Karl sich zweimal ärgern musste. Und als Gott am siebten Tage ruhen wollte, brüllte vielleicht eines seiner Geschöpfe, sodass er keine Ruhe fand. Die sehr lohnenswerten Memoiren des deutschen Romanisten Victor Klemperer sind so ein Beispiel. Er war ein jüdischer Professor in Dresden während der Nazibarbarei. Er beschreibt die furchtbaren Jahre der Unterdrückung und Gefahr und gleichzeitig beschreibt er auch seine ewigen Zahnschmerzen und, solange er noch durfte, seine Probleme, das Auto in die Einfahrt seines kleinen Hauses zu lenken. Immer wieder war er gegen die Mauer gefahren. Es wurmte ihn sehr. Das Kleine im Großen.
Vor ein paar Jahren hatte ich beruflich in Dresden zu tun und besuchte das Haus der Klemperers. Und tatsächlich war in der Einfahrt eine Mauer, aus der auf Höhe eines Kotflügels ein Stückchen fehlte. Natürlich weiß ich nicht, ob das die historische Mauerlücke war. Aber mir gefällt die Idee, das zu glauben.

Ich werde mich gegen Zecken impfen lassen. Da gibt es keine Engpässe. Immerhin. Und dann werde ich auskuriert von meiner Erkältung warten auf die Impfung, die uns verspricht, vielleicht wieder bei Husten nur an Husten zu denken.

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