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Kolumne Valerie Fritsch: Kochen gegen die Dunkelheit

Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Seit die Welt so tut, als wäre sie eine andere, eine kleinere geworden, koche ich wie verrückt: Es ist ein Aufbegehren gegen die verschlossene Gleichförmigkeit der pandemischen Tage, ein Aufstand mit Zucker und Salz. Ich verbringe Stunden in der heißen Küche und spiele mit erhobenem Kochlöffel im Theater der Töpfe und Pfannen und dulde keine Störung. Es ist eine Auszeit von der Zeit. Denn mein Gewürzregal neben dem Herd ist wie ein Reisealbum für die Zunge, ein Souvenirsetzkasten für die Nase, über die Jahre habe ich auf meinen Unternehmungen aus vielen Ländern verschiedenste Kleinigkeiten auf den Straßenmärkten zusammengestöbert und mit nach Hause gebracht.

In den Gläsern, Flaschen und Säckchen gibt es Vanilleschoten aus Madagaskar, Erdnusspaste aus Uganda, Muskatnüsse aus Marokko, nigerianische rote Chilis, mysteriöse Kräuter aus Kasachstan, Armeniens getrocknete Früchte, Currypulver in allen Farbverläufen aus Bangladesch, kretisches Olivenöl. An jedem Geschmack hängt eine ganze Reise mit ihren Erinnerungen. Drum lerne ich heuer, statt fortzufahren, viele fremde Zauberformeln und Alchemien, probiere trotz Skepsis gegenüber allzu genauer Angaben neue Rezepte aus, bis ich eingemehlt und fleckig, die Hände weich von der Butter, etwas fabriziert habe, das man auch essen kann. Die Küche ist ein Ort der Herrschaft, in der für die einen der Spaß anfängt und für die anderen aufhört.

Meine vor ein paar Wochen verstorbene Schwiegermutter liebte es zu kochen. Als sie schon viel zu jung viel zu krank war vom heimtückischen Krebs, blieb ihr die Küche als Bastion. Aufgebahrt auf der Küchenbank, an guten Tagen wild entschlossen an den Rollator gelehnt, dirigierte sie einen für ein einfaches Mittagessen wie ein Orchestermeister durch den Raum, sagte jeden Schritt und jeden Griff an, fieberte mit bei jeder Prise Salz und war dauerhaft entsetzt über all das fremde Unvermögen. Die Einzelheiten zählten.

Einmal kam es zum Eklat, als ich gutgläubig ein Ei nicht nach rechts, sondern nach links schaumig schlug. Es stellte sich als unverhandelbares No-Go heraus, und nur, weil wir alle von Herzen lachten, hieß es nicht, dass es sich nicht dennoch um einen sehr ernsten Fauxpas handelte. Diese Küchentage waren ein skurriles Stellvertreterkochen, in jeder anderen Situation wäre man wahnsinnig vor Empörung über das Herumkommandiert-Werden geworden, hätte familien-induzierte Urschreie ausgestoßen, hier folgte man jeder An- und Zurechtweisung mit Vergnügen und war froh, dass man der resoluten und herzallerliebsten Köchin verlängerter Arm und erweiterter Gaumen sein konnte, etwas tun, wo man sonst hilflos war. Sie blieb handlungsfähig bis zuletzt, legte Wert auf eine Erhabenheit über die Krankheit, eine aufrechte Mündigkeit, eine Trotzigkeit gegenüber dem Unvermeidlichen, mit eisernem Willen, einem wundergläubigen Herzen und: ferngesteuerten Kochlöffeln. Bald koche ich eines ihrer Rezepte, auch das wird eine Reise sein.

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