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Kolumne Valerie Fritsch: "Ich bin gespannt, was man bald mitmeint, wenn man ruft: Amerika!"

Valerie Fritsch
Valerie Fritsch © (c) Martin Schwarz, oxyblau photography
 

Wenn ich an Amerika denke, weil man manchmal nicht anders kann, fällt mir stets Zwonimir ein, eine lustige Gestalt aus dem Buch „Hotel Savoy“ von Joseph Roth, ein Revolutionär von Geburt, ein Kriegsheimkehrer, ein herzgewinnend Verlorener, von dem es hieß: „Er liebte Amerika. Wenn eine Menage gut war, sagte er: Amerika! Wenn eine Stellung schön ausgebaut war, sagte er: Amerika! Von einem feinen Oberleutnant sagte er: Amerika. Und weil ich gut schoß, nannte er meine Treffer: Amerika.“ In dem Roman rief man es sich ohne Zusammenhang zu, es war ein Gruß des Schönen und Guten, ein Wort der Begeisterung, die Zauberformel aller Versprechen und Wünsche und der Ort, an dem alle reichen Tanten und Onkel der Welt in prächtigen Häusern wohnten. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Gedanken und Hoffnungen, die an einem Begriff hängen: Schon lange hat mich in der Straßenbahn keiner fröhlich mit Amerika! gegrüßt.

Einmal, vor ein paar Jahren, war ich dort. Es war eine kurze Reise hinein in die Orte und Bilder und Aussichten, die man tausendmal gesehen hat, bevor man sie gesehen hat. Man reist den eigenen Vorstellungen hinterher, den Versatzstücken des amerikanischen Traums, die in Kino und Literatur und Politik hin und her geschoben werden, eine mystische Welt zusammenzimmern, die man in der Wirklichkeit nie vollständig einlösen kann. Trotzdem habe ich die berühmten Einzelheiten New Yorks geliebt, die Skyline und die Feuertreppen, High Line, Brooklyn Bridge und Hudson River, das heimelig dunkle Vergnügungsparkuniversum von Coney Island, die Häuser, deren Stockwerken man schwindlig in den Himmel nachschaut, die Straßen, aus denen die Welt selbst zu dampfen scheint. Nur die ewige Wachheit der Stadt, von der man sagt, dass sie niemals schläft, habe ich nicht gefunden, aber erstaunlich viele leise schlummernde Ecken, tote Winkel, Vakuumspunkte im großen Treiben der Nacht. Ich mag diese Orte, die einem unvermutet die eigene Geschichte erzählen.

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