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Offener Brief an die JungenSeid wie im Frühjahr! Zeigt Euch solidarisch!

 

Ich darf eh Du sagen? Ich weiß: Grad keine besonders schöne Zeit für Euch. Ich habe immer zu den Töchtern gesagt, solange man jung ist, soll man raus in die Welt, um Lust auf sie zu kriegen, aufs Lernen und aufs Leben. Und jetzt weisen sie Euch die entgegengesetzte Richtung: rein ins Gehäuse. Da kann es eh auch schön sein, Ihr habt das Wort „chillen“ dafür, aber halt nicht verordnet und als Dauerzustand.

Mir ist auch bewusst, dass sich die Welt, die Euch angeblich grandios offen steht, verschließt wie eine Auster: kaum Lehrplätze, keine Praktika, keine Jobs, dann noch die vielen Schleusen an den Unis. Eine Tochter hat sich gegen siebeneinhalbtausend Jugendliche behaupten müssen, um Medizin studieren zu dürfen, sie hat sechseinhalbtausend hinter sich gelassen, das war zu wenig. Zu meiner Zeit hat keiner gegen andere antreten müssen, um eine Chance zu bekommen, angetreten ist man nur gegen sich. Der Ellenbogen war später.

Was ich sagen will: Die Wohlstandslogik, wonach es den Jüngeren immer besser erging als der Generation zuvor, gilt nicht mehr. Wenn es stimmt, was die Professoren sagen, dass eine Dekade vergehen wird, ehe die Kerben, die die Bekämpfung der Pandemie in die Wirtschaft geschlagen hat, vernarbt sind, dann werdet Ihr es sein, denen bei dieser Wundbehandlung eine große Bürde zukommt, von der niemand spricht: Ihr werdet die Generation der Zurückzahler sein, die zweite Wiederaufbaugeneration.

Das alles drückt und schreit nach einem Ventil, klar. Viele von Euch habe ich sagen hören: Im Frühjahr haben wir uns um die Älteren gekümmert, aber jetzt kommen wir dran, noch dazu, wo uns die Gesellschaft gerade alles verbarrikadiert. So oder so ähnlich geht der Refrain des Oppositionsliedes. Kein Abstand, Feiern und Ausgehen im Rudel. Dichte Menschentrauben allabendlich in den Städten.

Das ist in schönen Zeiten anmutig anzuschauen und in unschönen verstörend. Viele von Euch setzen sich über die Regeln hinweg, im Bewusstsein, nicht verwundbar zu sein. Es ist ein Erhabensein, das man auch von den Alten kennt: Erzählt mir nichts, wir haben schon ganz anderes erlebt. Ich finde beide Formen des Erhabenseins nicht besonders smart, aber Eure Unbekümmertheit, wenn ich das offen sagen darf, finde ich anstößiger. Sie setzt auf einem Irrglauben auf. Es geht auch um Euch. Je früher die Krise durch vernunftbereites Handeln des Einzelnen überwunden ist, desto früher stehen Euch wieder die Welt und jenes Leben offen, das Ihr Euch erträumt habt.
Bewahrt euren Widerspruchsgeist, aber bewahrt ihn auf. Seid wie im Frühjahr: ein Vorbild für die Erwachsenen. Seid solidarisch. Solidarität war immer auch eine Tugend der Jungen. Sie schützt nicht nur die Älteren, sie schützt auch Euch und Eure Zukunft.
Einen schönen Nationalfeiertag! Es gibt noch immer gute Gründe, das Land trotz aller Widrigkeiten zu mögen. Ihr seid einer davon.

Kommentare (2)
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kritiker47
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4
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Danke, Herr Chefredakteur,

so muss verantwortungsvolle Berichterstattung und Information sein und nicht nur jede/n Gegner/in aller Maßnahmen gegen die Corona-Gefahr eine Doppelseite zur Verfügung stellen.

kritiker47
6
2
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Sorry, sollte heißen :

- nicht nur jeden/r Gegner/in, die gegen alle Maßnahmen zur Coronabekämpfung sind, eine Doppelseite zu schenken.