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MorgenpostDie Chuzpe von Wirecard – singt Markus Braun?

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

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Im größten Finanzkrimi der coolen Fintech-Szene werden jetzt täglich neue Abgründe offenbart. Die Mutmaßung der Staatsanwaltschaft München I, dass der Pleite gegangene Zahlungsdienstleister Wirecard schon seit einem halben Jahrzehnt Aufsicht und Anleger mit falschen Zahlen betrogen hat, lässt die groß gespuckten Töne des gegen eine Fünf-Millionen-Kaution aus der Haft entlassenen Wiener Ex-CEO Markus Braun nachträglich wie blanken Hohn klingen. Vom „weltweit führende Innovationstreiber für digitale Finanztechnologie“ wurden Anleger um Milliarden abgezockt – und es hätten noch viel mehr werden sollen. Auf dem „Innovation Day“ in London im Oktober 2019 zeigte Braun ein Chart mit fantastischen Aussichten. Von 2018 bis  2025 hätte demnach das Volumen der Transaktionen von 125 Milliarden Euro auf über 710 Milliarden steigen sollen, der Umsatz von zwei auf zehn Milliarden und das Ergebnis (EBITDA) von 0,6 auf 3,3 Milliarden Euro.
 
Nun sind allerdings zwei Milliarden Euro von einem Konto in Asien verschwunden oder waren gar nie da. Dass diese vermeintlich riesige Cash-Position den Prüfern von EY nicht schon früher suspekt war, ist eigentlich unfassbar. Wie man weiß, hat jede Branche eine gewisse Bilanzarchitektur, auf die genauer hinzusehen ist. Einfach gesagt wird man bei einem Stahlunternehmen in der Gewinn- und Verlustrechnung besonders auf Rohstoff- und Energiepreise schauen, bei einem Medienunternehmen auf Personal-, Papier und Druckereikosten, und ob die Technologieninvestitionen aus dem Cashflow oder mit Krediten finanziert werden. Da ist es bei einer Geldwechselfirma mit angeblich raschestem Zahlungsausgleich umso erstaunlicher, dass den Prüfern ein Zwei-Milliarden-Konto auf der Aktivseite, dem hohe Kredite auf der Passivseite gegenüber stehen, nicht sofort ins Auge stach.

Kann dieser Megagau EY die Existenz kosten? Den Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen hat es infolge des Enron-Skandals in den USA zerrissen, aus den „Big Five“ der globalen Prüfungsfirmen wurden nur noch „Big Four“: Deloitte (in die Arthur Andersen überwiegend aufging), EY (Ernst & Young), KPMG und PricewaterhouseCoopers (PwC). Diese haben sich dann allerdings wie Tausendfüßler aufgestellt, damit es beim Problemfall vielleicht einen Haxen abreißt, aber nicht die Firma sprengt. EY erwarten jedoch riesige Schadenersatzansprüche.
 
Unterdessen fragen sich auch Konsumenten: Kann man beim Billa-Einkauf oder für die ÖBB-Fahrkarte noch bedenkenlos digital bezahlen? Mit der Billa Scan- und Go-App von Wirecard kann man Waren selbst scannen und direkt mit dem Handy bezahlen. „Schlange stehen wird somit Geschichte“, lobte sich Wirecard über den im Februar 2020 gewonnen Handelskunden. „Funktioniert klaglos“ beteuern die ÖBB nun auch nach der Pleite von Wirecared, das den Ticketkauf über Website und App abwickelt. Andere Kunden wie Aldi Süd haben den Pleite gegangenen Zahlungsabwickler hingegen bereits aus dem System genommen. Kritisch ist nicht nur, ob das Geld über den insolventen Abwickler auch verlässlich vom Kunden zum Unternehmen kommt. Vielmehr ist auch zu hinterfragen, ob es um die Sicherheit der Daten besser steht, als um die Existenz von Kontobeständen. Kurz: Sind bei einer Firma wie Wirecard, bei der Milliarden verschwinden, höchst persönliche Finanzdaten von Kunden sorgsam aufgehoben?
 
Ein gewaltiger Schuss vor den Bug ist der Skandal  für die gesamte Fintech-Szene, die ohnehin ein eigenes Biotop für sich ist, in dem sich besonders viele schillernde Figuren herumtreiben mit Währungsfantasien, von denen Bitcoin noch eine harmlosere Sorte ist. Da trifft es sich gut, dass in der kommenden Woche der Nationalrat per Gesetz die Einrichtung einer „Regulatory Sandbox“ bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) einrichtet. In diesem „Sandkasten“ sollen Start-ups im Fintech-Bereich ihre Innovationen, für die es noch keine Bankregeln gibt, ausprobieren können, während die Behörde lernt, welche Regeln einzuziehen wären und wie eine zuverlässige Aufsicht gewährleistet ist. Für vorerst erwartete fünf Teilnehmer werden für diese Sandkastenspiele 500.000 Euro bereitgestellt. Die Geldvernichtungsinnovation von Wirecard überschritt hingegen alle Regeln. Der per Haftbefehl gesuchte und gefeuerte Wirecard-Vorstand Jan Marsalek - ebenfalls aus Wien – bleibt einstweilen verschwunden und soll sich zuletzt auch nicht auf den Philippinen aufgehalten haben. Man ist gespannt, was Braun zu erzählen hat und ob er überhaupt „singt“ oder unschuldig zwei Milliarden einfach zu viel vermutet hat.
 
Grandios gesungen hat jedenfalls der deutsch-kanadische Opernsänger Michael Schade am Samstag in Klagenfurt bei der Rückkehr der Konzertkultur aus der viermonatigen Corona-Quarantäne. „Danke für Ihre Courage! Das ist der einzige Auftritt, der nicht gestrichen wurde“ dankte der berühmte Tenor dem Publikum und dem Veranstalter der „Klassik im Burghof“, Michael Springer, der zwölf Konzerte durchzieht. Das Publikum füllte den Burghof  in Abstandsitzordnung bis auf den Letzten der Hälfte der 500 Plätze, vor dem Eingang stand man im Meter-Abstand Schlange um Restkarten. Man fühlte, wie sehr Kunst als lebenswichtige Nahrung gefehlt hat.

Einen entspannenden Sonntag wünscht Ihnen

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