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MorgenpostWer eigenverantwortlich handelt, braucht kein suggestives Farbleitsystem

Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.

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Alexander Schallenberg ist ein kluger, vom vielen Unterwegssein umfassend gebildeter Diplomat, aber als Politiker macht er manchmal komische Sachen, vielleicht, weil er muss. Auf der Homepage seines Ministeriums ist eine Landkarte in unterschiedlichen Farben zu sehen. Die Farbe zeigt die Sicherheitslage in der Interpretation des Anstreichers an. Rot ist Russland, die Lombardei und eine Provinz in China. Orange sind so gut wie alle Nachbarn mit Zugang zum Mittelmeer. Orange ist riesig und Stufe vier. Es reicht von Kroatien bis nach Griechenland. Und ganz klein, wie ein gallisches Dorf im Großreich der Gefahren und Fährnisse liegt Österreich und leuchtet silberfarben.
 
Silber ist Stufe eins, erfahren wir, sicher wie ein Safe. Das Vier der Nachbarn mit Wellengang bedeutet in der Übersetzung des „Ministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten“ hingegen „hohes Sicherheitsrisiko“. Hohes Sicherheitsrisiko heißt, dass von Reisen in diese Länder abgeraten wird, wenn sie nicht unbedingt notwendig sind. Die Ursache für Stufe vier sind normalerweise „gewalttätige Auseinandersetzungen mit Todesopfern“ oder eine Naturkatastrophe. Covid 19 kann keine Ursache sein, denn einige orangefarbene Länder haben noch niedrigere Infektionszahlen als das selbstversilberte Österreich.
 
Schallenberg sagt, das seien bitte keine Warnungen, sondern nur Empfehlungen. Es gelte selbstverständlich das Prinzip Eigenverantwortung, aber wer eigenverantwortlich handelt, braucht kein suggestives Farbleitsystem für die Urlaubsentscheidung und kein manipulatives Geleit. Hat ein Land, das weltweit Platz zwei in der Krisenbewältigung zugesprochen bekam, so etwas notwendig? Pseudopatriotisches Schlaucherltum bei offenen Grenzen: Lesen Sie im erweiterten Wirtschaftsteil, was die Reisebüro-Branche dazu meint, zum Beispiel die Unternehmerin Andrea Springer. Dagegen ist die Morgenpost von ausgesuchter menschenfreundlicher Zugewandtheit.
 
Heute nacht, um 23.43 Uhr, fängt übrigens der Sommer an. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Ein seltsam zwiespältiger Wendepunkt ist das, dieser astronomische Sommerbeginn. Ein Anfang, der gleichzeitig der Anfang vom Ende ist. Der neue Bob Dylan soll da gegen die Melancholie auch nicht wirklich weiterhelfen („I have outlived my life by far“), auch wenn die zehn neuen Songs ein Meisterwerk sind, wie Martin Gasser und Bernd Melichar beteuern. Bleibt noch die grandiose Gesellschaftssatire „Parasite“, neu auf Amazon, oder als sommerliche Begleitmusik „A star is born“ mit der ziemlich famosen Lady Gaga in ihrer ersten Hauptrolle, jetzt auf Netflix. Aber ich warne Sie, auch dort geht es im großen Duett „Shallow“ um die Erschöpfung, die Leere füllen zu müssen: „Tell me something boy, aren`t you tired trying to fill that void“. Vermutlich doch am besten, Sie bestimmen selbst, wann und wo für Sie der Sommer beginnt und Sie vergessen die Sonnenwende und die Schrägstellung der Erdachse. Oder Sie bitten Herrn Schallenberg, das mit den kürzeren Tagen und länger werdenden Nächten einfach umzufärben. Dann soll Sommer sein.
 
Ein schönes Wochenende wünscht

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