MorgenpostSchwalbenschrift oder ein role model für weibliches Altern

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Guten Morgen!

Sie sind 80 Jahre jünger als die Dame, die in der österreichischen Gesellschaft für Literatur an diesem Mittwoch Abend in der ersten Reihe saß. Sie lesen nur, wenn es nötig ist und empfinden die scheinbar passive Tätigkeit ansonsten als Zeitvergeudung – jene Hälfte der 15- bis 16-Jährigen, die sich im Pisa-Test 2018 als leseunwillig bekannten.

Die Dame in der ersten Reihe heißt Ilse Helbich und hat erst im fortgeschrittenen Alter zu schreiben begonnen. Feuilletontexte für das Presse-Spectrum, kleine Erzählungen zuerst, dann, mit 80, den grandiosen autobiographischen Roman „Die Schwalbenschrift“, die Geschichte einer späten Emanzipation. Viele ihrer schmalen, dichten Bücher (Das Haus, Grenzland Zwischenland, Vineta, Schmelzungen, Im Gehen) sind im Grazer Droschl-Verlag erschienen. An dem Abend in Wien präsentieren Helmut Neundinger und Fermin Suter Fundstücke aus dem sogenannten Vorlass Helbichs, garniert mit Texten über die Autorin: „Ich möchte noch einmal irgendwo fremd sein“.

„Ich bin noch da“, sagt die große, schlanke Dame in der ersten Reihe am Ende, als die Schauspielerin ausgelesen und die klugen Interpreten ihres Schreibens alles gesagt hatten. Gelassen entlässt sie ihre Gäste mit dem Rat, in der Gegenwart, im Jetzt zu leben, darauf komme es an. „Das ist schwer, für junge Menschen genauso wie für alte.“

In dem Buch schreibt die Villacher Literaturkritikerin Julia Kospach: „Viele erstrebenswerte role models fürs weibliche Altern gibt es wahrhaftig nicht. Ilse Helbich ist eines“, findet sie und fügt hinzu: „Wer Ilse Helbich liest, kann Altern lernen.“

Vorausgesetzt, er oder sie hat beizeiten gelernt, zu lesen - und die Lust dazu.

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