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MorgenpostBesuch bei Handke: Ein Tanz auf dem Rasiermesser

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Handke in seinem Haus in Chaville bei Paris © Stefan Winkler
 

­Guten Morgen!
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"Jetzt hören wir auf. Ich bitte Sie, das Haus zu verlassen.“ Der von der Morgenpost sehr geschätzte Kollege der APA hatte weniger Glück, als er nur wenige Stunden nach der Kleinen Zeitung in Chaville bei Paris erschien, um den designierten Literatur-Nobelpreisträger zu interviewen. Über die Auszeichnung und den Streit, den sie neu entfacht hat. In einem Protokoll des gecrashten Gesprächs stand zu lesen, dass Peter Handke das eiserne Tor am Ende einer zypressenartigen Allee zürnend hinter sich zuschlug, nicht ohne dem Fortgejagten eine dringliche Empfehlung mit auf den Heimweg zu geben: „Ich möchte Sie nicht in Stockholm sehen“.
 
Auch unsere Begegnung mit dem Schriftsteller an diesem sonnigen Spätherbsttag im Pariser Vorort glich einem Parcours über Klippen und Abgründe und hätte nach wenigen Minuten schon zu Ende sein können, etwa, als Handke, nachdem er Kaffee aus Guatemala gebracht hatte, von sich aus das Thema Jugoslawien ansprach und sich zu vergewissern suchte, ob die Fragenden wohl all seine Schriften zu dem Thema gelesen hätten, und zwar Satz für Satz und Wort für Wort. Nichts davon sei denunzierbar.
 
"Das ist kein Tribunal hier“, erboste sich der Hausherr, als die Rede auf seine seinerzeitige Teilnahme am Begräbnis des ehemaligen serbischen Autokraten Slobodan Miloševic fiel, fallen musste. Handke bleibt dabei und droht bei Inabredestellen mit Züchtigungen: Die Medien („Kriegsreporterhorden“, „Endhorden, nicht Urhorden“) hätten in den jugoslawischen Zerfallskriegen Fertigteil-Wahrheiten, Lügen und Zerrbilder verbreitet, nicht er - Zerrbilder, denen Handke Gegenbilder gegenüberstellte, Gegenbilder der Poesie und der persönlichen Anschauung und Empfindung. Schweres Unrecht sei ihm widerfahren, und anstatt „das Unrecht zu benennen, kommt ihr her und drückt auch noch drauf. Was seid ihr? Handelsvertreter des Hasses?“ So sprach er und bändigte Augenblicke später wieder den Zorn.
 
Auf dem Tisch vor ihm eine Büste von Tolstoj und die Rede für Stockholm. Handke lässt uns einen flüchtigen Blick darauf werfen. Er werde über die Mutter sprechen und Begebenheiten im Dorf, von denen sie in den Kindheitstagen erzählte und die den Sohn früh „zum Schreiber machten“, wie er sagt. Vor dem Frack, für den in Stockholm ein Schneider im Hotel Maß nehmen wird, fürchtet er sich ebenso wenig wie vor dem Protest-Spalier. Vielleicht muss er wie Heinrich Böll die überlangen Hosenbeine hochstülpen wie lässige Jeans, vielleicht geht er wieder hin zu den Demonstranten und fragt wie damals beim Ibsen-Preis in Oslo seine Widersacher, wie geht´s? Handke weiß nicht, was auf ihn zukommt, er wolle sich stellen, wenn er nur wüsste, „wie man das macht“. Nur eines wisse er: Die Journalisten mögen in der Allee vor dem Haus Aufstellung nehmen, Abbitte leisten und ihm „Olivenöl, Trüffel oder sonstwas“ zu Füßen legen. Dann greift er zur neuen CD von Van Morrison und liest einen der Songtitel vor, nicht ohne beschwingten, jetzt wieder ausgeruhten Unterton: Fame will eat the soul. Das Gespräch, ein Tanz auf der Rasierklinge. Wir hatten Glück.

KK
Nach dem Gespräch und immer noch Sturm: Peter Handke in einer kurdischen Lammfleisch-Kneipe in Chaville mit Stefan Winkler (rechts) und Hubert Patterer © KK

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