falls Sie sich das kürzlich gefragt haben: Nein, Makaken sind keine Klammeraffen. Aber kann man von dem kleinen Äffchen „Punch“ deshalb verlangen, dass es – gerade erst in dieses verwirrende Gehege namens Welt geworfen – allein durchs Leben streift?

Warum ich heute über Fauna-Fragen sinniere? Seit Tagen sorgt das Äffchen „Punch“ – wohnhaft im Ichikawa-Zoo (nahe Tokio) – weltweit für Furore. Zu Recht, denn diese Geschichte hat es in sich. Leider aus traurigem Grund: „Punch“ wurde von seiner Mutter verstoßen. Und als wäre das nicht schon rührend genug, hat sich das Tierbaby ausgerechnet ein Kuscheltier als Mutterersatz auserkoren. Es hört auf den Namen Djungelskog. Klingt nicht wirklich japanisch, oder? Das liegt daran, dass der Kuschel-Orang-Utan von einem schwedischen Möbelhaus namens Ikea stammt. Die PR-Abteilung freut sich tierisch. In den USA und Japan ist das Kuscheltier nun sogar ausverkauft. Vor lauter Rührung ob des Marketing-Selbstläufers hat Ikea 33 weitere Djungelskogs an „Punch“ schicken lassen. 33 Ersatz-Mütter – da hat Punch uns allen etwas voraus.

Was der Geschichte um „Punch“ zudem einen bewegenden Unterbau liefert: Ausgerechnet in Japan – also dort, wo „Punch“ zu Hause ist – gibt es seit 2021 ein eigenes „Ministerium für Einsamkeit“. In dem asiatischen Land ist soziale Isolation ein großes Problem. Die Japaner nennen das Phänomen des selbstgewählten Rückzugs aus der Gesellschaft „Hikikomori“. Es ist auch unter jungen Menschen weit verbreitet. Der Schritt aus der Adoleszenz ins Erwachsenenleben scheint manchen zu groß. Zu verstörend der Anblick von erschöpften Geschäftsmännern, die in U-Bahn-Stationen übernachten, zu hoch der Erwartungsdruck der Eltern.
 
Irgendwie machen wir Menschen uns beim Anblick von „Punch“ also selbst zum Affen. Viele erkennen sich wieder: als Außenseiter, als Verunsicherte, als Alleingelassene.

Die Begeisterungsfähigkeit der Internetgemeinde ist jedenfalls herzig. Unter dem Hashtag #hangintherepunch („Halte durch, Punch“) werden Videos geteilt, Mitgefühl bekundet, Herzchen verteilt. In einigen Tagen wird der digitale Wanderzirkus aber wohl zum nächsten Käfig weiterziehen und „Punch“ vergessen haben.

Bis dahin wirkt noch das Kindchenschema – so ein tollpatschiges Wesen will man schließlich einfach beschützen. Dieses aus der Verhaltensbiologie bekannte Prinzip beschreibt jene Merkmale – große Augen, überproportionaler Kopf, rundes Gesicht –, die in uns automatisch Fürsorge- und Schutzinstinkte auslösen. In der Kosmetik, der Puppenindustrie wie auch im Zeichentrickfilm wird die Funktion des Kindchenschemas besonders gern eingesetzt, um die Attraktivität zu erhöhen, weiß das Lexikon der Psychologie.

Ob Manuel Hagel davon schon einmal gehört hat? Der CDU-Spitzenkandidat für die anstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg sieht sich gerade mit einem alten Fernsehvideo konfrontiert. Darin erzählt er – damals 29 Jahre alt und bereits Politiker – von einem Besuch in einer Realschule. 80 Prozent der Klasse bestand aus weiblichen Schülerinnen, erzählt Hagel lächelnd: „Da gibt es für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen.“ Und er erinnert sich an ein Mädchen namens Eva – „braune Haare, rehbraune Augen“. Das Mädchen dürfte zu diesem Zeitpunkt wohl nicht älter als 16 Jahre gewesen sein. Beschützerinstinkt klingt anders. Affig war es allemal. 

Einen erholsamen Sonntag wünscht
 
Julian Melichar