Interviews mit ihm waren ein Vergnügen. Hannes Androsch führte klare Kante, er machte in seinen harschen Urteilen und Diagnosen keine Gefangenen, und der Gehstock, den er „bald entsorgen“ wollte, schien ihm kein Hindernis. Sein stilistisches Gemisch aus glossenhafter Zuspitzung, aphoristischer Noblesse und Versatzstücken des Floridsdorfer Vorstadt-Idioms waren legendär. Nie nahm er eine Formulierung zurück oder glättete sie hinterher, wie es Unsitte ist in den Pressestäben vieler Politiker. Es gehöre zu den Privilegien des Alters, furchtlos die Dinge beim Namen zu nennen, meinte er einmal. Von diesem Privileg nahm er bis zuletzt in reichem Maße Gebrauch.
Zum Gespräch anlässlich seines Achtzigers kam Androsch in die Wiener Redaktion, in unser oval office, so nennen wir den kleinen Salon für Gäste und Gesprächspartner mit Blick auf die Albertina, die Fiaker und das vorbeiziehende politische Personal. Wir durchmaßen seine drei Leben, das des dandyhaften Finanzministers und späteren Bankmanagers, beides Karrieren mit Brüchen, des erfolgreichen Industriellen und des Citoyens mit der Lizenz, sich einzumischen.
Androsch liebte diese Selbstbezeichnung, sie meint den souveränen freien Bürger, ein Begriff aus der französischen Revolution, den die Jakobiner als Anrede benutzten, Gegenbild zum passiven Untertan. Jakobiner und Androsch, welch bizarre Melange! Wir sprachen über die bürgerlichen Maßanzüge, eine Zuschreibung, die ihn amüsierte, und die er als töricht verwarf. Das Äußere sei für ihn stets eine Frage der Höflichkeit gewesen, nicht der Ideologie. Außerdem hätten die Linken die ungleich teureren und schickeren Klamotten getragen. Verantwortlich sei im übrigen die Großmutter gewesen. Sie habe immer geschaut, dass der Bub anständig gekleidet ist.
Was das Sozialdemokratische an ihm sei, haben wir ihn gefragt, weil sich das auch die Linken in der Partei still gefragt haben. Die Frage forderte ihn heraus. Er erzählte dann von der Floridsdorfer Wohnung der Eltern, die im 34er Jahr vom Bundesheer auf Befehl von Dolfuß zerschossen wurde. Androsch war da noch nicht auf der Welt, aber die Erzählungen des Großvaters, eines Straßenbahnmechanikers, den sie einsperrten, blieben Bilder von lebenslanger Prägekraft. Was das Sozialdemokratische an ihm sei? „Die Herkunft und die humanistische Bildung“, lautete die Antwort. Androsch unterlegte sie mit einem weiteren Erinnerungssplitter, wie er als Kind am ersten Mai mit dem Fahrrad, geschmückt mit weißen und roten Papiernelken, zum Wiener Rathaus gefahren sei. Ein Achtundsechziger hätte er altersmäßig zwar werden können, so Androsch, aber der frühe Tod des Vaters, die frühe Übernahme der Kanzlei, die ihm zum Brandmal wurde, sowie die früh gegründete eigene Familie hätten ihm keine Zeit gelassen für „jugendliche Konvulsionen“. So sprach er.
Androsch war eine komplexe, vielschichtige Persönlichkeit. In ihr spiegelten sich im Gelingen wie im Scheitern die Nuancen und Amplituden des Lebens. Noch gut in Erinnerung: Wie er in der Rolle des späten Vaters an der Grazer Volksschule des Sohnes so lange auf die abweisende Ministerial-Bürokratie einwirkte, bis er bekam, wofür er kämpfte: Englisch als Zusatzfach und einen jungen native speaker für die Klasse. Androsch zahlte ihn. Seine Biografie, die die gesamte Zweite Republik überspannte, eignet sich weder für schrille Überhöhung noch für billige Verdammung. Letzteres ließ allein sein Horizont nicht zu, seine schöpferische geistige Unruhe und die Art, wie er sich bis zuletzt dem aus dem Lot geratenen Land verpflichtet fühlte. Er reißt bei aller Widersprüchlichkeit ein geistiges Loch in die flache Landschaft. Das Gefälle rückt jetzt ins Bewusstsein.
Auf dem Schreibtisch liegt noch ein Gastkommentar des Verstorbenen. Er trägt den Titel „Epochenwende“ und handelt von der Dringlichkeit politischen Handelns, um sklerotische Strukturen aufzubrechen und das Land, das über seine Verhältnisse lebe und seine Tüchtigkeit eingebüßt habe, „von der Schrumpfspur wegzubekommen“. Wir werden den Text posthum veröffentlichen. Er hat Vermächtnis-Charakter wie das letzte Interview am Tag nach der Nationalratswahl. Androsch ging der breiten Unzufriedenheit auf den Grund, beleuchtete die Abstiegs- und „Überfremdungsängste“, rief die geschichtlichen Verdienste der SPÖ in Erinnerung und kontrastierte sie mit der schroffen Klage, dass die Partei die „Abzweigung ins 21. Jahrhundert“ nicht gefunden habe. Und dann übermittelte der 86-Jährige, der die mangelnde Resilienz der Wohlstandsgesellschaft in der Krise bemängelte, eine Kaskade flammender Appelle an die Adresse einer künftigen Regierung.
Der Arbeitsauftrag klang so: „Wir müssen bei aller Hilfsbereitschaft die illegale Migration eindämmen und den Sozialstaat sichern, indem man ihn vor Missbrauch besser schützt. Wir müssen das Bildungssystem auf die Höhe der Zeit bringen. Wir müssen das Gleiche tun für die Spitäler und die Altersversorgung, anstatt zu sagen: Demnächst kriegen wir das Klopapier auf Krankenschein. Wir müssen für die innere Sicherheit sorgen, die in manchen Bezirken Wiens nicht mehr gegeben ist. Ganz zu schweigen von Schulen, in denen 90 Prozent die Sprache nicht können. Und wenn wir keine leistbaren Wohnungen mehr bauen und die Wohnbauförderung zweckentbinden, na ja, dann gibt es eben keine mehr. Und wenn man den Wohnungsbestand so reguliert, dass eine Vermietung fast einer Enteignung gleichkommt, gibt es nicht einmal mehr dieses Angebot. Wo man hinschaut, sind wir von der Kante.“
Der Mahner mit den unbequemen Wahrheiten wird fehlen, dem Land ebenso wie der Partei. Es ist fraglich, ob sie es weiß.
Zum Tod von Hannes Androsch
„Wo man hinschaut, sind wir von der Kante“
© APA / Georg Hochmuth