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Was ist das Leben? Eine AnnäherungHubert Messner: "Das Sterben gehört zum Leben"

Als Neonatologe hat Hubert Messner seine Patienten auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod begleitet. Auf Expedition mit seinem berühmten Bruder Reinhold war er mit dem nackten Überleben konfrontiert. Was ist das Leben? Eine Annäherung.

Hubert Messner
Hubert Messner © KAY BLASCHKE
 

Zunächst wollten Sie Sport studieren. Nach einem Unfall wurde es Medizin. Wie kamen Sie zur Neonatologie, der „Frühchenmedizin“?
Hubert Messner: Es sind zwei Dinge. Die berufliche Chance in den frühen 70er-Jahren, als die Neonatologie ein ganz neues Fach war. Mein Vorgesetzter hatte die Vision, in Südtirol eine Station aufzubauen. Er hat mich in jungen Jahren sehr gefördert und ich war Teil dieser Vision. Nach Berufsetappen in Toronto und London bin ich zurück, um das wichtige Vorhaben voranzubringen. Unsere anfangs kleine Station hat sich zu einem exzellenten Team mit sehr guten pflegerischen Fähigkeiten entwickelt und mit einer Empathie, wie ich sie sonst nirgends gesehen habe. Zum anderen begleitet man in diesem Beruf ein Kind von Anfang an und als Ganzes über viele Jahre hinweg, nicht nur punktuell. Man ist Teil seiner Entwicklung und baut Beziehungen auf. Das ist das Schöne an diesem Fach.

Auf der Frühchenstation waren Sie damit konfrontiert, wie nahe Leben und Tod beieinanderliegen. Wie findet man eine Antwort auf diese existenzielle Frage?
Hubert Messner: Geht man vom rein technisch Möglichen aus, so hat sich die Grenze der Lebensfähigkeit von der 28. auf die 22. Schwangerschaftswoche verschoben. Aber man muss sich fragen, was ist das Leben, und am Ende muss man mit den Eltern eine Entscheidung treffen, die von allen getragen wird. Der Weg dahin geht über Beobachtung. Das Verhalten des Kindes, der Gesichtsausdruck, die Mundmotorik. Dabei setzt man sich mit der Frage auseinander, ob das Kind ins Leben will. Das braucht Zeit und Erfahrung. Die Kinder machen in dieser kritischen Phase tatsächlich eine Gratwanderung. Wir als Ärzte müssen dabei verstehen, ob dieser Weg ins Leben führt oder in eine Situation, in der sich schwere Komplikationen entwickeln und Kinder dann schnell versterben können. Die für mich persönlich schwierigste Situation war, als mein Sohn Alex in der 29. Woche zur Welt kam. Dieses Vorgehen, die prognostisch individuelle Strategie, ist sicher die anstrengendste, weil man nicht allein auf technische Daten und Routine setzen kann. Aber sie wird meiner Meinung nach dem Leben am meisten gerecht.

Von Ihrer Mutter haben Sie viel über das Leben und das Sterben gelernt, inwiefern?
Hubert Messner: Meine Mutter war eine sehr religiöse Frau. Sie hat ihr Leben gelebt und sie hatte Freude in ihrem Leben, auch in der Armut, die da war. Sie war aber auch die Frau, die irgendwann, als ihr die Stiegen schwerfielen, gesagt hat, ich spüre, es ist Zeit zum Sterben. Sie sagte das ganz einfach. Sie hat das Leben und das Sterben als solches angenommen. Das hat mich als Arzt und Mensch sehr beeindruckt und geprägt – das Sterben gehört zum Leben.

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Danke für Ihr Verständnis.

lieschenmueller
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Sollte das nicht heißen,

dass die Lebensfähigkeit sich von der 28.!! zur 22. Woche verschoben hat?

Woche 38 ist ja fast eine Termingeburt.

KleineZeitung
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Korrektur

Absolut richtig! Danke für den Hinweis.
Ich hab's gleich ausgebessert.

Mit freundlichen Grüßen,
die Redaktion

lieschenmueller
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Jedenfalls ein Wunder, was die Medizin leistet,

früher hat man aufgeatmet, wenn man zumindest das 7. Monat vollendet.