Peter Thiel gilt als einer der mächtigsten Männer im Silicon Valley, dem Nabel der US-Techindustrie. Und er weiß seine Macht zu nutzen: Er unterstützte Donald Trump schon vor seiner ersten Präsidentschaft und hievte JD Vance ins Vizepräsidentenamt. Doch anders als andere Tech-Giganten wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg hält er sich im Hintergrund. Mediale Inszenierung ist seine Sache nicht.
Harte Bandagen
Im Gegenteil: So soll er tatkräftig am finanziellen Ruin eines Klatschblogs beteiligt gewesen sein, nachdem dieser ihn als homosexuell geoutet hatte. So viel ist über den 58-Jährigen heute offiziell bekannt: 2017 heiratete er seinen Partner Matt Danzeisen (in Wien), sie sind Eltern von zwei Mädchen. Selbst ist Thiel in Deutschland zur Welt gekommen: Seine Eltern wanderten in die USA aus, als Peter ein Jahr alt war.
Wirtschaftspolitisch vertritt der Tech-Unternehmer ein libertäres Programm – er will den Einfluss des Staates aufs äußerste Minimum beschränken. Zugleich ist er Konkurrenz und Wettbewerb abgeneigt und sieht das Optimum in Monopolen, da diese den Unternehmen satte Gewinne brächten, um diese in zukunftsträchtige Projekte investieren zu können.
Wolfgang Palaver im Interview
Apocalypse now
Den theologisch-ideologischen Unterbau für sein Denken zieht er dabei zusehends aus dem Christentum: Antichrist und Katéchon, Apokalypse und Mimesis, sind Fixsterne im Thielschen Universum. Einer, mit dem Thiel immer wieder das Gespräch darüber sucht, ist Wolfgang Palaver. Der Theologe und Sozialethiker lehrte viele Jahre an der Uni Innsbruck und gilt als international anerkannter Fachmann für René Girard, jenen Kulturanthropologen und Religionsphilosophen, den Thiel vielfach als Stichwortgeber nutzt.
Der Sündenbock
In seinem Hauptwerk „Das Heilige und die Gewalt“ entfaltete Girard 1987 seine „mimetische Theorie“. „Wir sehen, was andere wollen und wollen es dann ebenso haben. Für uns Menschen ist das Nachahmen des Begehrens von anderen ganz zentral“, so Palaver. Werbung sei das beste Beispiel, die sozialen Medien heute ein perfektes Werkzeug dafür. Eine Schlüsselfunktion nimmt dabei der „Sündenbockmechanismus“ ein: Das mimetische, das nachahmende Begehren befeuert Konflikte. Um diese Gewaltspirale zu stoppen, bestimmt die Gruppe – unbewusst – einen Sündenbock, den sie tötet oder vertreibt, um damit wieder Frieden herzustellen.
Als Belege für seine Theorie zog der französische Wissenschafter, der in den USA lehrte, mythische und ethnologische Texte heran. Im Christentum, und hier insbesondere in der Passionsgeschichte Jesu Christi, sah er hingegen dessen Überwindung: Nicht mehr die Verfolger, sondern das verfolgte Opfer steht im Zentrum. Der Innsbrucker Theologe dazu: „Wir leben bis heute in einer biblisch beeinflussten Kultur, in der wir mit Opfern von Gewalt und Verfolgung solidarisch sind.“
Berufung ist nicht gerechtfertigt
Als Vordenker für den rechtskonservativen Kurs in den USA sieht Palaver Girard trotzdem nicht. Es gebe zwar Punkte in dessen Theorie, an die Rechtskonservative anknüpfen, was aber nicht Girards Grundintention entspreche. Der Innsbrucker Theologe nennt ein Beispiel: „Er hat etwa ein Plädoyer für die Wahrheit des Christentums formuliert. Der wachsende christliche Nationalismus kann sich damit bis zu einem gewissen Grad auf Girard berufen, ohne dass Girard selber je nationalistisch argumentiert hat.“
Zudem habe jener gemeint, dass die Linke einer gewissen Gefahr unterliege, sich zu stark mit Opfern zu solidarisieren und daraus eine Waffe zu machen, den „Antichrist“. „Da können Rechtskonservative gut anknüpfen, wenn sie gegen ‚Wokeism‘ auftreten. Aus meiner Sicht lässt sich das heute jedoch im rechten Spektrum sogar stärker beobachten: Die Rechtspopulisten, Donald Trump, schreien ja in die Welt hinaus, dass sie Opfer sind.“
Biblischer Zweikampf
Der „Antichrist“ ist ebenso Bestandteil von Thiels apokalyptischer Sicht auf die Welt. Verhandelt wird das biblische Aufeinandertreffen von „Antichrist“ und „Katéchon“, dem „Aufhalter“, im Zweiten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki: Wobei er dort nicht als solcher, sondern als „Mensch der Gesetzeswidrigkeit“, „Sohn des Verderbens“ oder „Widersacher“ tituliert wird.
Das Ende der Welt
Palaver nimmt eine zweite Klarstellung vor: Die Tradition schreibt den Brief dem Apostel Paulus zu, der glaubte, dass Jesus noch zu seinen Lebzeiten wiederkommt. „Der wirkliche Autor, der vermutlich 30 Jahre später gelebt hat, wollte hingegen die Menschen darauf vorbereiten, dass sich das Kommen Christi verzögert, das Leben im Hier und Jetzt wichtig ist. Damit erklärt er auch die Figur des ,Aufhalters‘: Er hält zum einen das Chaos des Antichristen auf, aber ebenso das Kommen Christi. Das macht ihn zu einer ambivalenten Figur.“ Nicht nur der US-Tech-Milliardär, ebenso rechtskonservative Kreise sehen hingegen die USA in der Rolle des Katéchons, der die Welt vor dem Chaos und damit vor dem Untergang bewahren muss.
Die religiösen USA
Aufgrund einer völlig anders gearteten Religionsgeschichte könne Europa die religiösen Diskussionen in den USA kaum nachvollziehen. Mit Peter Thiel gerade auch als Theologe im Diskurs zu bleiben, ist aus Palavers Sicht jedenfalls geboten: „Wenn sich jemand, der große ökonomische und politische Macht hat, aufs theologische Diskussionsfeld begibt, dann hat das großen Einfluss, gerade auch in einem stark religiös verwurzeltem Land wie den USA. Wenn an den Sichtweisen etwas problematisch ist, hat die Theologie die Aufgabe zu sagen, was ist richtig und was ist falsch. Da zu schweigen, wäre Dummheit.“