Baupläne unterm Arm, grübelnd und mit Tränen in den Augen, so ähnlich würde Leonardo da Vinci heute vor der Galata-Brücke stehen. Grübelnd, weil er schon 1502 einen bombastischen, unrealisierbaren Entwurf nach Istanbul geschickt hat. Mit Tränen, weil er gerade mit einem Istanbuler Original namens Balik Ekmek Freundschaft geschlossen hätte: einer gegrillten Makrele, umschlossen von einem Weißbrot, zärtlich eingebettet zwischen Tomaten, Zwiebeln, Chili, perfektioniert mit einem Schuss Zitrone – genossen im Herzen der Stadt, am Goldenen Horn. Dort, wo das Leben pulsiert, wo die außergewöhnlichen Koordinaten Istanbuls direkt vor einem liegen: zwei Meere, zwei Kontinente, eine Stadt. Und was für eine Stadt.

Konstantinopel! Byzanz!


Fast schon ehrfurchtsvoll müsste man sie hauchen, die Namen, die die Stadt in ihrer Genese schon getragen hat: Byzanz! Konstantinopel! Aber die Stadt ist kein Museum, ihre Geschichte kein Ruhepolster – über 14 Millionen Menschen leben hier, darunter eine stattliche Anzahl von Millionären. Armenviertel, Villenviertel, Touristenviertel, man kann dieser Stadt beim Wachsen zusehen. Wer Istanbul besucht, lässt sich am besten treiben – Touristenklassiker wie die Hagia Sophia, die Blaue Moschee und der Topkapi-Palast sind in Gehweite, ungezwungen lässt es sich hier zwischen geschichtlichem Bombast und quirligem Alltag hin und her streifen.


Derwische. Es muss nicht unbedingt die Touristenvorführung sein. Kleine Kulturvereine bieten intime Tanzvorführungen der islamischen Mystiker
© Susanne Rakowitz



Man muss sich auf die Stadt einlassen, sie kann ganz laut und im nächsten Moment ganz leise sein. Sie ist wie ein Abbild des großen Basars: ein Labyrinth der kleinen Schätze. Spätestens nach einer Stunde erinnert man sich an das gute alte Wollknäuel – ach, hätte ich doch! Und schon im nächsten Moment findet man sich in einem Innenhof wieder, gerade so, als wäre man von einem Tornado ausgespuckt worden. Kommt mit Leuten ins Gespräch, stolpert über schlafende Katzen und kostet vom besten Döner der Welt (den gibt es wirklich!). Oder man schaut auf der Galata-Brücke den Fischern über die Schulter, philosophiert über den idealen Köder, besteigt spontan eines der vielen Ausflugsschiffe und lässt sich durch den Bosporus schippern.

 

Basare. Wer Istanbul sagt, muss auch Einkaufen sagen. Teppiche, Leder, Gewürze – den großen Basar muss man sehen, der ägyptische ist klein, aber sehr fein
© Susanne Rakowitz


Wen am Abend der Hunger plagt, der schlendert über die Brücke ins Beyolu-Viertel, vorbei am Gezi-Park, der dank des Einsatzes vieler Istanbuler nicht verbaut wurde. Rund um die Fußgängerzone Istiklal Caddesi trifft sich das junge Istanbul – in Kaffees, Restaurants, Bars, Boutiquen, Galerien und Antiquitätenläden.
Wer am Tag kommt, muss den 62 Meter hohen Galata-Turm erklimmen, genießt den fantastischen Rundblick auf die Stadt, darf sich kurz erhaben wie ein Sultan fühlen. Um, ganz im Sinne Leonardo da Vincis, die Entdeckungsreise fortzusetzen: „Man kann etwas erst lieben oder hassen, wenn man genaue Kenntnis davon hat.“ Bei Istanbul werden Sie Ihr ganzes Leben dafür brauchen, aber das ist eigentlich eine sehr gute Nachricht.