Plötzlich geht alles ganz schnell. Viel zu schnell. Und wenn man in einer Ente sitzt, dann weiß man sofort – da stimmt etwas nicht. Wie Werner Stieber das Auto zum Stehen gebracht hat, daran kann er sich bis heute nicht erinnern – da schließt der Überlebensinstinkt die Synapsen kurz. Nur zu gut erinnert er sich aber daran, wie bei den letzten Kehren den Großglockner hinunter die Bremsen versagten.

Gerade hatte er auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe noch den Gipfelsieg auf Österreichs höchstem Berg gefeiert. Schwerstarbeit für den Fahrer, aber vor allem für den luftgekühlten Zwei-Zylinder-Boxermotor des Citroën 2CV. Das Kürzel steht nicht umsonst für deux chevaux – zwei Pferde. „Das war wirklich nicht ohne“, lässt er den Schreck noch einmal Revue passieren. Den Moment, als der Tritt aufs Pedal plötzlich ins Leere ging.

Gipfelsieg auf dem Großglockner
© WERNER STIEBER

Und so endete der erste Versuch seiner Österreichumrundung zunächst flügellahm am Straßenrand, schließlich auf einem Abschleppwagen und schlussendlich in der heimischen Werkstatt.

Also zurück an den Start im steirischen Hitzendorf. „Von Bergen hatte ich dann erst einmal genug, deshalb habe ich den zweiten Anlauf Richtung Osten begonnen statt wie beim ersten Mal nach Westen.“ Versöhnlich flach im Vergleich zu den Bergriesen des Westens verlockten die Hügel der Steiermark, aber vor allem die Ebenen des Burgenlands. Als Citroën-Direktor Pierre-Jules Boulanger 1934 Konstrukteur André Lefèbvre den Auftrag erteilte, einen minimalistischen Kleinwagen zu bauen, mit Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln, der selbst schlechteste Wegstrecken bewältigen kann, sodass ein Korb voll mit Eiern eine Fahrt über holprige Feldwege unbeschadet übersteht, war von den Alpen kein Wort im Lastenheft zu lesen.

Die Route der Österreichumrundung
© KLZ/Infografik

Und auch nicht davon, dass der Wagen schnell sein soll. Für die Entdeckung der Langsamkeit mit Ente hat sich Stieber bewusst entschieden. „Meine ersten drei Autos waren 2CVs. Dann haben wir eine Familie gegründet und waren mit vernünftigeren Autos unterwegs“, sagt der Fotograf.

Aber vor rund fünf Jahren wollte er sein Leben ganz gezielt entschleunigen. Entschleunigen mit Eseln, die zu Hause auf der Koppel leben, und mit Enten, die wieder in der Garage wohnen. „Von den Eseln schaue ich mir ab, dass sie alles bedächtig angehen und sich nicht hetzen lassen. Und wenn ich in die Ente steige, ist alles anders – weil die Menschen einem in einem so freundlichen Auto anders begegnen.“

60 bis 80 km/h, das ist die Marschgeschwindigkeit der Ente
© WERNER STIEBER

Das rote Exemplar Baujahr 1985 mit seinen 27 PS ist in Entenmaßstäben schon der Erpel im Teich. „Mit dem Auto sind wir viel unterwegs. Letztes Jahr waren wir damit in Paris“, erzählt Stieber. 2020 hätte es eigentlich nach Marokko gehen sollen – aber dann im März, eh schon wissen.

Die Enttäuschung wich allerdings rasch dem Enthusiasmus für eine neue Idee. „Österreich ist so ein wunderschönes Land. Dann habe ich mir gedacht, es muss doch möglich sein, so weit wie möglich der Grenze entlangzufahren und es zu umrunden.“ Nicht einfach von A nach B, der Weg sollte das Ziel sein. Auf möglichst kleinen Straßen, weit Weg vom Stress des Schnellen. „Auf diese Art habe ich in der völligen Einschicht so viele schöne Orte entdeckt, von denen ich überhaupt nichts gewusst habe.“

Die „Tour d ’Autriche“ führte über kleine Straßen und durch besonders schöne Orte, so nahe wie möglich an den Grenzen Österreichs
© WERNER STIEBER

Und solche, die der gebürtige Burgenländer schon immer einmal besuchen wollte. Wie den Römersteinbruch in St. Margarethen oder die Brücke von Andau. „In den ersten Tagen habe ich noch den Fehler gemacht, die Quartiere vorab zu reservieren. Aber dann fährst du nur deinem eigenen Zeitplan hinterher. Dann bin ich einfach immer so weit gefahren, wie ich Lust und Laune hatte“, sagt Stieber. Gemütlich, immer so zwischen Tempo 60 und 80.

Für einen, der das Land vermisst, gibt es natürlich auch statistische Fixpunkte abzuklappern: wie den östlichsten Punkt, die burgenländische Gemeinde Deutsch Jahrndorf, oder den tiefsten, der mit 114 Metern über dem Meer bei Apetlon liegt.

Das Duo am tiefsten Punkt Österreichs, der im Burgenland liegt
© WERNER STIEBER

Die Erinnerung an den Großglockner als höchsten sind noch immer Garant für Gänsehaut. Das niederösterreichische Marchfeld allerdings war sogar den beiden Flachlandindianern zu eben. „Ich habe dann eine ziemlich lange Etappe eingelegt, ich wollte unbedingt ins Mühlviertel“, sagt Stieber. Ins Stift Schlägl, um genau zu sein, das für seine Bierbraukunst berühmt ist und in dessen Stiftskeller Mühlviertler Leinölerdäpfel auf der Karten stehen. „Das wollte ich schon immer kosten.“ Gerade aufgegessen, schlug das Wetter um.

Gefiederte Enten können ausgezeichnet schwimmen. Blechbeplankte nicht – denn sie sind nicht dicht. Aber gleich so undicht. Deshalb sind Unwetter auch höchst ungebetene Reisebegleiter. „Ich bin bis jetzt nicht draufgekommen, wo da so viel Wasser reinkommt“ – aber es kommt herein. Unerbittlich wie der Takt eines Metronoms tropft es in den Fußraum. Die Scheiben beschlagen, die Wischer bekommen das Wasser nicht weg, die kleinen Scheinwerfer können die Dunkelheit kaum erhellen. „Am Ende war nichts mehr im Auto trocken.“ Auf dem Weg durch Salzburg und Tirol hat die Ente einen eigenen Teich. Auf der Bodenplatte.

Profifotograf Werner Stieber setzte sein Federvieh entlang der Route immer wieder perfekt in Szene
© WERNER STIEBER

An der Grenze zu Vorarlberg werden die Füße langsam wieder trocken, dafür steht eine schwerwiegende Entscheidung an: Geht es über den Arlberg, das Hahntennjoch oder die Silvretta ins Ländle? Die Wahl fällt auf Option zwei, erweist sich aber nicht als goldrichtig: endlose Kurven, überhängende Felswände – der Glockner-Grusel lässt grüßen.

Zwar war Werner Stieber auf seiner „Tour d’Autriche“ solo unterwegs, aber es hat sich als unmöglich herausgestellt, in Begleitung der Ente mit dem rot-weiß-gestreiften Stoffverdeck allein zu bleiben. „Die Leute reagieren extrem freundlich auf das Auto. Sie winken, wenn man vorbeifährt, machen Fotos. Man kommt sofort ins Gespräch.“ Zum Beispiel mit einem Radfahrer, der auf einer ganz ähnlichen Route Österreich umrundet. Oder mit einem Oldtimerfan, der die Ente vom Fleck weg kaufen wollte.

In Vorarlberg traf der 2CV seine Vorbesitzerin wieder, mit der er vor mehr als 30 Jahren unterwegs gewesen war
© WERNER STIEBER

Die größte Freude mit dem Gespann hatte Annemarie Giesinger. Sie und ihr Mann besaßen von 1989 bis 1991 nämlich Werner Stiebers 2CV. „Ich habe den Namen im Typenschein gelesen und habe mir gedacht, da versuche ich Kontakt aufzunehmen.“ Dass ihr altes Auto noch nicht längst verschrottet ist, konnte sie zuerst gar nicht glauben. Und schon gar nicht, dass es mehr als 30 Jahre später wieder vor ihrer Haustüre in Vorarlberg parken würde. „Es war ein sehr berührendes Treffen. Wir haben dann gemeinsam eine Runde gedreht. Auch nach mehr als 30 Jahren hat Frau Giesinger nicht verlernt, die Revolverschaltung im 2CV zu bedienen“, sagt Stieber.

Am westlichsten Punkt Österreichs ist es Zeit zu wenden, und als sich der Kreis dort schließt, wo ihn das Bremsversagen beim ersten Anlauf zum Aufgeben zwang, packt den Abenteurer plötzlich das Heimweh. „Ich bin dann aus dem Zillertal in elf Stunden am Stück über die Autobahn nach Hause gefahren.“ Mit unzähligen Eindrücken im noch feuchten Gepäck. Ente gut, alles gut.

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