Städte haben meist uncharmante Einfahrten. Nicht so Triest. Die Stadt, deren Piazza sich anmutig zum Meer hin öffnet, erreicht man auf einer beeindruckenden Zufahrtsstraße. Die Strada Costiera, die sich hoch über dem Meer an Felsen entlang schlängelt und durch grobe, in den Karst gehauene Tunnel führt, gehört zu den zehn schönsten Küstenstraßen der Welt.
Über 600 Jahre lang gehörte die wichtigste Hafenstadt des Habsburgerreiches zu Österreich, wahrscheinlich auch deshalb beschleicht die Besucher aus Österreich eine gewisse Sentimentalität. So vieles erinnert an die Heimat: Architektur, Kaffeehäuser, Küche und überall weht noch immer der Geist der klugen Kaiserin Maria Theresia, deren 300. Geburtstag heuer gefeiert wird. Blickt man in die Kochtöpfe der zahlreichen Gasthäuser, Trattorien und Buffets, wird eine unsichtbare kulinarische Nabelschnur zu Wien sichtbar. Kaiserfleisch, Gulasch, Cuguluf, Kifel und Wurstel con Kren und Crauti gehören zu den Standardgerichten. Selbstredend angereichert mit gebackenen Mitilli oder Pedoci, (wie die Miesmuscheln hier heißen), mit Sarde in Savor oder einer köstlichen Gregada (Calamari mit Kartoffeln und Knoblauch, in Weißwein gegart). Triest hat viele Beinamen. Diejenigen, die die Stadt wohl am treffendsten charakterisieren, sind: „Stadt des Kaffees“ und „Stadt der Winde“. Wer die olfaktorisch ausgeprägte Nase in den Wind reckt, kann den leichten Kaffeeduft wahrnehmen, der ständig über der Stadt schwebt. Im Kaffeehafen werden Kaffeebohnen aus der ganzen Welt umgeschlagen und in den zahlreichen Kaffeehäusern, die mit ihren Jugendstilinterieurs an Wien erinnern, kann man das fertige Produkt in seiner besten Form genießen. Dabei leistet sich Triest eine eigene Kaffee-Sprache. Denn wer zum „kleinen Schwarzen“ Espresso sagt, outet sich auf der Stelle als Tourist. In Triest heißt er nämlich „Nero“. Eines ist sicher: Nirgends schmeckt der Nero so verführerisch wie in Triest. In den Kaffeehäusern hat sich einst eine bunte Literatenszene etabliert. Dazu gehörten James Joyce, Umberto Saba, Italo Svevo, Scipio Slataper – in Bronze gegossen, bevölkern sie noch immer Plätze und Straßen.
Wer die Winde in der Stadt und im Karst nicht selbst gespürt hat, kann am Molo Audace an der Windrose ersehen, woher die Winde kommen. Es ist nicht nur die Bora, die aus Nordosten heimtückisch alles durcheinanderwirbelt, es bläst zu jeder Jahreszeit aus allen Himmelsrichtungen in die Stadt: Grecale, Libeccio, Mistral und Scirocco. Triest ist wahrscheinlich auch die einzige Stadt, die ihren Winden ein eigenes „Museo della Bora“ gewidmet hat.
Die Menschen leben gleichmütig mit ihren Winden und können ihnen auch gute Seiten abgewinnen. Zum Beispiel schreibt man es der Bora zu, dass der Karstschinken so würzig und gehaltvoll schmeckt. Er streichelt die Schinkenteile mit würziger Luft und trocknet sie. Auch der Terran, die autochthone Rebsorte im Karst, die ihre Wurzeln tief im steinigen Boden verankert, muss sich gegen die Bora wehren und bekommt so den kantigen, metallischen Charakter. Wenn man schon in der Stadt ist, sollte man den Karst nicht versäumen, wo es im Sommer immer etwas kühler ist. Die Gegend ist wegen ihrer Natürlichkeit und Kulinarik mehr als angesagt. In den Osmize (Buschenschenken) kann man die Weine zu Schinken, Salami, Speck und vielem mehr verkosten. Die Osmize gehen auf ein Dekret von Josef II zurück, der den Bauern erlaubte, ihre Produkte an acht Tagen feilzubieten (acht ist osem auf Slowenisch). Die raue Landschaft mit ihren geduckten Dörfern ist voll von Überraschungen. Hier kann man stundenlang wandern – oft mit Meerblick, in Höhlen hinabsteigen, Rad fahren, das Schloss Duino besuchen, wo Rainer Maria Rilke seine Duineser Elegien schrieb, und in den kleinen Badebuchten im glasklaren Wasser planschen. Es sind nur 17 Kilometer Steilküste zwischen Duino und Barcola, aber die sind wunderbar. Zurück nach Triest: Dort sollte man nicht verabsäumen, durch die Antiquariate zu streifen, die Museen zu besuchen, mit der Straßenbahn nach Opicina zu fahren, in den Kirchen innezuhalten und den morbiden Charme des alten Hafens zu erleben. Einen Besuch im Teatro Verdi sollte man einplanen und nicht zu vergessen, die schönen Geschäfte, die alten Läden und Bars, die jeden Gast bezaubern.