Die Rütliwiese, hoch über dem Vierwaldstättersee, ist an diesem Sommertag von Jugendlichen bevölkert. Sie sind ebenfalls mit dem Schiff aus Luzern gekommen, vorbei an saftigen Wiesen und idyllischen Orten und dann von der Ortschaft Treib mit der alten, steilen Zahnradbahn hinauf nach Seelisberg.

Es gibt wohl keine Schweizer Schulklasse, die niemals auf der Rütliwiese war, schließlich rankt sich um diese sanft geneigte Wiese der Gründungsmythos der Schweiz. Wie viel davon historische Wahrheit ist und wie viel im Laufe der Jahrhunderte dazugekommen ist, lässt sich schwer sagen. Elsbeth Heinzer vom Tourismusverband erzählt den Österreichern besonders gerne, dass sich im Jahr 1291, nach dem Tod Rudolfs I. von Habsburg, die Bewohner von Uri, Schwyz und  Unterwalden an dieser Stelle ewigen Beistand geschworen haben, um sich gemeinsam vom Habsburger-Reich loszusagen. Erst 90 Jahre später stieß das damals schon wohlhabende Luzern zu den drei Urkantonen.

Die Rütliwiese ist seit jeher ein beliebtes Ziel für Schulklassen
Die Rütliwiese ist seit jeher ein beliebtes Ziel für Schulklassen
© Pototschnig Franz

Der Rütlischwur wurde übrigens auf derselben Bergwiese am 25. Juli 1940 erneuert, als General Henri Guisan die Schweizer Militärs darauf einschwor, die Schweiz gegen Deutschland zu verteidigen. „Viele Offiziere waren zaghaft, aber ab diesem Tag ging ein Ruck durchs ganze Land, alle waren entschlossen, sich gegen Nazideutschland zu wehren“, erzählt Heinzer.

Etwas unterhalb der Rütliwiese liegt, verborgen unter dichten Bäumen, der eigentliche "Schwurplatz", und im benachbarten Museumsgebäude hängt der Bundesbrief und es ist dokumentiert, welche Kantone wann dazu gestoßen sind. Der Jüngste ist übrigens der Kanton Jura, der 1979 durch Abspaltung vom Kanton Bern entstanden ist.

Aber es geht schon wieder weiter, man muss schließlich auch die kulinarischen Besonderheiten der Urkantone würdigen. Und wo geht man hin? Natürlich ins Rütlihaus, wenige Minuten unterhalb der Rütliwiese: „Da schwören wir drauf“, steht auf der Speisekarte, die Älplermagronen, Rütliwurst und Rütlisalat bietet. Aber man findet auch Schlorziflade, bei uns heißt das schlicht Strudel, oder eine Speise mit dem unaussprechlichen Namen „Schintbühlchübeli“, dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein Eisbecher.

Die Chocolatiers bieten eine verführerische Vielfalt, hier eine Vitrine bei Läderach in Luzern
Die Chocolatiers bieten eine verführerische Vielfalt, hier eine Vitrine bei Läderach in Luzern
© Franz Pototschnig

Der Geburtsort der Schweiz wird vor allem von Schweizer Publikum besucht, Luzern hingegen, im Nordosten des Vierwaldstätter Sees gelegen, ist international. Man trifft Gäste aus Deutschland, Frankreich und den USA, die durch die Stadt flanieren, an der Reuss essen und trinken, mit Blick auf die weltberühmte Kapellbrücke, die 1993 abgebrannt ist und längst wieder so altehrwürdig wirkt, als wäre seit ihrer Erbauung vor fast 700 Jahren gar nichts geschehen.

Die Preise sind für Österreicher gewöhnungsbedürftig, vor allem in den touristischen Hotspots, "aber dafür sind die berühmten Schweizer Uhren günstiger als bei euch", meint verschmitzt ein Begleiter. Die großen Uhrenhersteller sind nahezu geschlossen in Luzern vertreten und werden von den Besuchern auch fleißig frequentiert, noch mehr Gedränge herrscht aber bei den Chocolatiers oder Schoggi-Lädeli, wie die Luzerner respektlos sagen. 

Der Konzertsaal im KKL fasst 1900 Gäste und hat eine einzigartige Akustik
Der Konzertsaal im KKL fasst 1900 Gäste und hat eine einzigartige Akustik
© Pototschnig Franz

Wie sehr sich das Luzerner Bürgertum mit seiner Stadt identifiziert, kann man am KKL ermessen, dem "Kultur- und Kongresszentrum Luzern". Mehr als 500 Veranstaltungen finden dort alljährlich statt. Der großzügige, moderne und vielseitige Bau kostete 226 Millionen Franken und wurde im Jahr 2000 eröffnet – für eine 82.000 Einwohner-Stadt ein beachtlicher Kraftakt, auch wenn der Kanton fleißig mitgeholfen hat. Fast ein Viertel davon wurde von privaten Spendern aufgebracht, die nun in der Glasfassade verewigt sind. Und: Das Haus bringt jährliche Tausende Gäste aus aller Welt in die Stadt und trägt wesentlich zum Ruf einer modernen, weltoffenen Stadt bei.

Vom KKL hat man einen herrlichen Blick auf Luzern und seinen See, noch viel überwältigender ist aber der Blick von etwas weiter oben, genauer: vom 2132 Meter hohen Hausberg der Luzerner, dem Pilatus. „Am schönsten ist der Blick bei Sonnenaufgang, spätestens um 5.36 Uhr müssen wir oben sein“, befiehlt Fabienne Zemp von der Pilatus-Bahnen AG.

So etwas lässt man sich natürlich nicht zweimal sagen, also um vier Uhr Tagwache im Hotel Pilatus-Kulm, das 1890 eröffnet wurde, unter Denkmalschutz steht und stark an die ehrwürdigen Grand Hotels am Semmering erinnert - nur eben um gut 1000 Meter höher. Mit festen Schuhen und Haube geht es eine Viertelstunde auf den Gipfel - und Fabienne hat wirklich nicht übertrieben. Zuerst hängt noch der Nebel über dem Vierwaldstättersee, aber gerade, als sich am Horizont die Sonne aus den Wolken schält, verziehen sich die Schwaden und geben einen atemberaubenden Blick frei.

Sonnenaufgang auf dem Pilatus, mit Blick hinunter auf Luzern und den Vierwaldstätter See
Sonnenaufgang auf dem Pilatus, mit Blick hinunter auf Luzern und den Vierwaldstätter See
© Pototschnig Franz

Nicht nur der Sonnenaufgang hat seine Reize, die Bergwelt rund um Luzern bietet eine große Vielfalt an Wanderrouten, wer nicht so gut bei Fuß ist, wählt Seilbahn oder Zahnradbahn. Erlebnisspielplätze für Kinder, überall laden Restaurants und Cafés zu einem "Znüni" oder "Zvieri" ein, auch wenn es gerade nicht 9 oder 16 Uhr ist. Museumsfreunde können sich etwa im "Verkehrshaus der Schweiz" die Erschließung der Schweizer Bergwelt ansehen, mit den abenteuerlichen Sessel- und Schleppliften von anno dazumal, oder einige Kunstausstellungen, vom Kunstmuseum bis zur Sammlung Rosengart.

Die Schweiz taucht bei uns kaum in den Nachrichten auf und ist als Urlaubsziel nur für Spezialisten die erste Wahl. 1291 haben sich die Ur-Schweizer rund um den Vierwaldstättersee von den Habsburgern losgesagt. Wer diese Gegend besucht, wird merken, dass sich seitdem allerhand getan hat.