"The Quays" ist ein lautes, überfülltes Pub mitten in Galway. An der Theke lehnen Ian, ein nicht mehr ganz nüchterner Ire, und Kurt, ein noch nüchterner Tourist. Folgendes Gespräch hätte durchaus so stattfinden können.
Kurt: (zur Kellnerin) Ein großes Guinness, bitte.
Ian: Du musst ein verdammter Tourist sein, nur die und schwangeren Frauen saufen hier bei uns dieses Gebräu!
Kurt: Bitte? Aber Guinness gehört doch zu Irland wie...
Ian: ...rothaarige Alkoholiker, weiße Lehmhütten und "Lord Of The Dance". Ja, ja. Ich weiß.
Kurt: Was ist dir denn über die Leber gelaufen?
IAN: Mein Arzt mit dem Rat, nichts mehr zu trinken. Haha, war ein Scherz. Wie lange willst du eigentlich hier bleiben?
Kurt: 72 Stunden. Zuerst Galway, dann rüber in die Gaeltacht.
Ian: Brav gelernt. Der Herr weiß, dass er sich im gälischen Kernland befindet. Jetzt will er wohl die seltsam sprechenden Ureinwohner besichtigen.
Kurt: Beruhig' dich! Ich bin nicht das erste Mal hier. Ich liebe die Connemara. Eine kahle, abweisende Landschaft, aber dennoch ein üppiger Garten der Farben.
Ian: Hey, ein kleiner Poet. Damit wirst du es in Irland aber schwer haben. Bei uns ist jeder zweiter Schreiberling Literatur-Nobelpreisträger. Und fast alle sind sie verrückt geworden.
Kurt: Weil sie am Leben verzweifelt sind!
Ian: Nein, an diesem Land. Euch Touristen mögen die magischen Farben verzaubern. Einige, die es sich leisten können, werden hier sogar sesshaft. Und die Küstenkinder der Connemara, die müssen nach Dublin gehen, um einen Job zu kriegen. Aber was die Landschaft betrifft, hast du natürlich Recht. Vor allem jetzt im Frühsommer ist es wunderschön. Wenn die Rhododendren aufflammen und der Ginster die Gegend wie eine riesige Eierspeis' aussehen lässt...
Kurt: Hey, noch ein kleiner Poet. Sag, was trinkst du hier eigentlich? Sieht doch gleich aus wie mein Guinness.
Ian: Murphy''s. Nicht so berühmt wie Guinness, aber besser. Wenn du Connemara wirklich kennenlernen willst, empfehle ich dir übrigens eine ähnliche Vorgehensweise: Meide die berühmten Plätze, halte dich an die unbekannten Orte.
Kurt: Ja, und dort treffe ich dann jene Menschenmassen, die du bereits dorthin geschickt hast!
Ian: (lacht). Du lernst schnell. Nein, im Ernst. Vergiss zum Beispiel Clifden und Letterfrack, das sind hässliche Touristenfallen, wo sie dir Dorffeuer-Romantik und Irish-Stew zum Schweinepreis aufschwatzen. Wenn schon Küste, dann Roundstone. Tagsüber ist es zwar auch überlaufen, aber gegen Abend sind die Einheimischen unter sich. Und wenn du Glück hast, kannst du dort einen echten Ceilidh miterleben.
Kurt: Einen was?
Ian: Ihr würdet Jam-Session dazu sagen. Bei einem Ceilidh wird gesungen und getanzt, Geschichten werden erzählt. Einer beginnt, die anderen hören ein paar Takte lang zu und stimmen dann mit ein. Ist etwas irischer als "Lord Of The Dance".
Kurt: Und in Galway? Wohin würdest du mich blöde Touristenvisage hier schicken?
IAN: Einem Touristen würde ich eine Rundfahrt mit einem Doppeldeckerbus empfehlen. Jetzt, im Mai, würde ich ihn zum Fluss schicken, wohin die Lachse nach ihrer Reise über den Atlantik unterwegs sind. Außerdem würde ich einem Touristen unbedingt unsere Austern empfehlen. Wenn ich den Typen mögen würde, würde ich ihm hingegen sagen: "Vergiss das alles! Lass dich einfach ziellos durch unsere krummen, schmalen Gassen treiben. Sieh dich in unseren tollen Buchhandlungen um, leih dir ein Fahrrad aus, wenn du Lust hast, und kurve am alten Hafen herum, wo du die schönsten Mädchen der Stadt triffst."
Kurt: Schön, aber nicht rothaarig, stimmt's.
Ian: Hey, ich fang langsam an, dich zu mögen.
Kurt: (zur Kellnerin) Zwei große Murphy's bitte.
Hier kommt Kurt
Galway im Westen Irlands ist das Tor zur Connemara. Und da Tor zu einer Reise abseits der Trampelpfade ist ein Gespräch im Pub.
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