InszenierungswahnDas beste Bild für Social Media könnte das letzte sein

Immer wieder bringen sich Touristen für das perfekte Foto in Gefahr. 2015 sind mehr Todesfälle auf Selfies zurückzuführen als auf Haiattacken.

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Für das perfekte Bild an den Abgrund © Getty Images/iStockphoto (Photoboyko)
 

Ein sonniger Tag im winterlichen nordnorwegischen Reine – es schneit nur im Halbstundentakt. Einheimische und Touristen genießen den Kaffee mit Blick auf den Reinebringen, der seine Flanken in der Wintersonne wärmt. Googelt man den Berg, erhält man „Postkartenmotiv der Lofoten“. Deshalb wird die Stille auch immer wieder von einer Frage durchbrochen: „Wie kommt man da rauf? Das wäre ein tolles Foto!“ Einheimischen bleibt nur Kopfschütteln mit der Bitte, den Berg nicht zu besteigen. „It’s dangerous!“ Nur als Notiz: Der Berg ist für Profis eine Herausforderung und bei winterlichen Verhältnissen tabu. Aber warum nicht hinaufsteigen, wenn es so viele andere getan haben? Die Schattenseiten des Instagram-Tourismus. Eine Welt durch die Kamera gesehen – Tunnelblick per Klick.

Höhepunkte digitaler Selbstdarstellung

Nicht nur der Reinebringen ist beliebtes Selfiemotiv im hohen Norden. Auch der Preikestolen oder die Trolltunga sind – im wahrsten Sinne des Wortes – Höhepunkte digitaler Selbstdarstellung. Zwischen 2011 und 2016 hat sich die Besucherzahl auf der Trolltunga mit grandiosem Blick auf den norwegischen Sørfjord von 1000 auf 100.000 verhundertfacht. Die beeindruckenden Fotos locken jedes Jahr noch mehr Menschen die Felswände hoch. Nachdem 2015 ein australischer Student auf der Suche nach dem perfekten Foto in den Tod stürzte, wurde von der norwegischen Tourismusagentur „Besafie“ ins Leben gerufen. „Menschen gehen extreme Risiken ein, um das perfekte Bild zu bekommen. Ein Selfie ist es nicht wert, zu sterben“, steht im Infotext zu der Aktion.

Am Rand der Zurechnungsfähigkeit

Nicht nur Berge, auch Bahngleise, Bären, Haie, Waffen oder Wasserfälle locken immer wieder Menschen an den Rand der Zurechnungsfähigkeit fürs gelungene Selbstporträt. Vor Kurzem stürzte in Portugal ein Paar 40 Meter in den Tod, beim Versuch, das Handy, das den beiden aus der Hand gefallen sein dürfte, noch zu erwischen. Im Vorjahr wurde ein 22-jähriger Schotte beim Selfieschießen auf einer Autobahn von einem Auto erfasst und starb. Amerikanische Forscher haben das Phänomen schließlich in der Studie „Me, Myself and My Killfie“ untersucht. 127 Todesfälle, die auf Selfies zurückzuführen sind, nahmen sie unter die Lupe: In 68 Prozent der Fälle waren die Menschen unter 24 Jahre alt, die meisten von ihnen verunglückten bei Stürzen von Bergen, durch Ertrinken oder bei Unfällen mit Zügen.

Selfie mit Hai Foto © Barcroft Media via Getty Images (Barcroft Media)

Bei Monika Melcher vom Österreichischen Alpenverein halten sich die Geschichten über riskante Selfieversuche noch in Grenzen. Trotzdem weisen auch die Experten darauf hin, sich im Gelände mit Stolpergefahr auf den Weg und nicht aufs Handydisplay zu konzentrieren. „Also, wenn die Insta-Story genau in diesem Moment sein muss, bewusst an einem sicheren Ort bleiben und sich aufs Gleichgewicht konzentrieren und nicht auf den Bildausschnitt.“ Melcher führt aber einen weiteren Punkt an, den Einfluss von Social Media auf das Bergerlebnis an sich. „Wie wirkt es sich aus, wenn man die Tour unterwegs schon gedanklich für seine Follower aufbereitet? Bin ich dann bei der Sache und genieße das Hier und Jetzt?“ Genuss und Erholung scheinen aber vor allem für die junge Zielgruppe nicht mehr ausschlaggebend zu sein, sondern ob das Urlaubsziel Instagram-tauglich ist. Eine Versicherungsfirma hat 18- bis 35-Jährige befragt, was für sie bei der Wahl der Urlaubsdestination entscheidend sei. Für 40 Prozent war es der Umstand, ob sie sich auf Instagram besonders gut machen würde.

Zurück nach Norwegen, wo in Gästebüchern nur noch selten Holzofen, Fjord oder Natur gelobt werden, sondern die perfekte Lage für perfekte Fotos.

 

Folgen für den Tourimus

Ein Gerangel um den besten Selfie-Platz beim Trevibrunnen endete vor wenigen Tagen für acht Touristen auf dem Polizeirevier. Eine 18-jährige Niederländerin und eine 45-jährige Italo-Amerikanerin kamen sich so sehr in die Haare, dass ihre beiden Familien sowie die Polizei einschreiten mussten. Die Damen kommen nun zwar nicht mit dem perfekten Foto heim, dafür aber mit einer Anzeige. Der Andrang auf dem Platz in Rom wird immer stärker, sodass man nun einen geregelten Zugang testen und so Drängereien vermeiden will.

Wie sich so ein Hype zusammenbraut, erlebte heuer die kanadische Farm Bogle, die Bauernhof und Sonnenblumenfelder für Besucher öffnete, aber nicht mit der Instagram-Kettenreaktion rechnete. Tausende Menschen strömten auf die Anbauflächen und stürzten die Bauern ins Chaos. Die Besitzer hatten zwar für 300 Parkplätze gesorgt, aber der Andrang war so enorm, dass die Besucher weiter entfernt parkten und sich zu Fuß auf den Weg machten. Die Infrastruktur um die Farm kam zu erliegen – auch hier musste schlussendlich die Polizei einschreiten. Derzeit findet man auf der Homepage, dass die Fotomöglichkeiten zwar geschlossen seien, aber man immer noch regulär einkaufen könne.
Andere zogen wiederum schon lange vorher in anderer Hinsicht die Reißleine. In den Disney-Freizeitparks wie auch im New Yorker Museum of Modern Art sind Selfiesticks schon seit drei Jahren verboten.

Ein Foto aus dem Zelt, aus dem Zelt, aus dem Zelt

Dass sich auch die Kreativität von Influencern in Grenzen hält, zeigt der Instagram-Channel Instarepeat, der all die gängigen Ich-will-das-auch-haben- und Ich-will-da-auch-hin-Motive in Fotomontagen vereint. Wirklich abenteuerlich, wie sehr sich die Szenerien ähneln. Da baumeln Beine über imposante Abhänge, Menschen mit Hut wenden der Kamera ihren Rücken zu und blicken über eine mystische Kulisse oder sie wandeln im Nebel über einen schmalen Steg. Angeblich wird der Kanal von einer 27-jährigen Künstlerin aus Alaska betrieben, die einmal zeigen wollte, wie uninspiriert jene Fotos sind, die mit Hashtags wie Kreativität oder Authentizität versehen werden.

Zahlenspiele

127 Todesfälle zwischen März 2014 und September 2016 sind auf Selfies zurückzuführen. Im Jahr 2015 starben mehr Menschen wegen eines Selfies als bei Hai-Attacken.

40 Prozent der 18- bis 35-Jährigen suchen ihr Urlaubsziel danach aus, ob es sich auf Instagram besonders gut darstellen lässt oder nicht. Eine gute Handykamera ist für 45 Prozent der Handybesitzer im Urlaub entscheidend. 

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