Covid-19-TherapieWiener Forschung: Antikörper, produziert in einer Tabakpflanze

Wiener Fachleute konnten Antikörper gegen Sars-CoV-2 in Pflanzen herstellen. Nachrichten von der Antikörper-Front gibt es auch von AstraZeneca: demnach soll das Risiko durch ein neues Medikament, das der Konzern entwickelt, schwer zu erkranken oder zu sterben, um 50 Prozent gesenkt werden.

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Female Scientist Using Microscope in Laboratory
In einer Tabakpflanze wurden die Antikörper hergestellt © (c) Seventyfour - stock.adobe.com
 

Eine Gruppe von Wiener Wissenschaftern um Herta Steinkellner von der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien hat einen vielversprechenden Weg gefunden, um verheißungsvolle Antikörper im Kampf gegen Covid-19-Erkrankungen herzustellen: Die Forscher lassen Pflanzen sogenannte IgG3-Antikörper produzieren. Dieser bisher eher wenig beachtete spezielle Subtyp an Kämpfern gegen das SARS-CoV-2-Virus entpuppte sich in einer Studie im Fachblatt "PNAS" als besonders wirksam.

Sogenannte monoklonale Antikörper werden vielfach schon gegen Tumorerkrankungen eingesetzt. Sie bei Viruserkrankungen zur Milderung des Krankheitsverlauf und zur Zerstörung des Erregers ins Feld zu führen, werde allerdings noch nicht so breit verfolgt, erklärte die am Institut für Pflanzenbiotechnologie und Zellbiologie der Boku tätige Steinkellner im Gespräch mit der APA. Eine entscheidende Frage ist hier, wie sich die kleinen, an ihr jeweiliges Ziel angepassten Antikörper, am besten herstellen lassen.

Antikörper aus Tabakpflanze

Die Wissenschafterin und ihr Team setzen hier auf eine Tabakpflanze (Nicotiana benthamiana). Dazu bringen die Forscher Gene der vom Menschen kommenden Antikörper in die Pflanze ein. "Um sie dort hineinzubringen, verwenden wir ein Bakterium als eine Art 'Taxi'", so Steinkellner. Mit diesem so angelieferten Bauplan kann Nicotiana benthamiana dann vorübergehen die speziellen Proteine zusammensetzen. Das funktioniert, weil auf molekularbiologischer Ebene menschliche Zellen und Pflanzenzellen sehr ähnlich sind.

Das Forschungsteam hat auf diese Weise IgG-Antikörper, die eigentlich eher spät im Verlauf einer Infektion gebildet werden, produzieren lassen. In dieser Gruppe gibt es wiederum vier Subtypen (IgG1, IgG2, IgG3 und IgG4). Sehe man sich die Reaktion des Immunsystems auf den Erreger an, dann dominierten in der Regel IgG1-Antikörper mit einem Anteil von über 90 Prozent. Dementsprechend erfahren diese auch am meisten Aufmerksamkeit, erklärte die Wissenschafterin: "Das ist der Standard."

In den Studien in Zellkulturen, die mit dem SARS-CoV-2-Wildtyp infiziert waren, entpuppten sich die IgG3 dazu fähig, den Erreger 50-fach besser zu neutralisieren als das IgG1-Antikörper können. "Das macht dieses Molekül jetzt so richtig interessant, um hier noch mehr Zeit zu investieren", betonte die Biotechnologin. Im nächsten Schritt gehe es darum, die sensiblen IgG3-Antikörper stabiler zu machen. Dazu gebe es schon einige Ideen und laufende Kooperationen, wo man die künstlich hergestellten Moleküle auch im Tiermodell testet. Inzwischen wurde diese Technologie auch seitens der Boku patentrechtlich geschützt. Denn die Pflanzen als Hersteller wolle man "ordentlich pushen", da sie etwa gegenüber der teuren Herstellung in hochtechnischen Bioreaktoren einige Vorteile bieten, sagte Steinkellner.

AstraZeneca: Antikörper-Cocktail gegen Covid "wirksam"

Im Kampf gegen Corona hat AstraZeneca mit einer experimentellen Antikörper-Kombination in einer Studie positive Ergebnisse erzielt. Die Antikörper-Kombination verringert demnach die Zahl der Schwerkranken und Toten unter Corona-Infizierten, teilte der britische Pharmakonzern am Montag mit. Bei Patienten, die seit sieben oder weniger Tagen Symptome zeigen und keine Krankenhaus-Behandlung benötigen, werde das Risiko, schwer zu erkranken oder zu sterben, um 50 Prozent reduziert.

Dies ergab die Spätphase der Studie mit dem Medikament, genannt AZD7442. "Ein frühzeitiges Eingreifen mit unserem Antikörper kann das Fortschreiten der Krankheit deutlich verringern und bietet über sechs Monate lang Schutz", erklärt AstraZeneca-Manager Mene Pangalos. Der Konzern habe bereits bei den US-Behörden eine Notfallgenehmigung für die Zulassung des Antikörper-Cocktails als Präventionsmittel beantragt. 903 Probandinnen und Probanden waren in die Studie eingeschlossen, es gibt auch eine Kontrollgruppe, der ein Placebo verabreicht wurde.

Im August teilte AstraZeneca mit, das Mittel reduzierte in Tests einer weiteren klinischen Phase-III-Studie das Risiko, symptomatisch an Covid-19 zu erkranken, um 77 Prozent, wie AstraZeneca mitteilte.

Unterschied zwischen Impfung und Antikörper-Therapie

Bei dem Kombinationspräparat zweier langwirksamer Antikörper handelt es sich um ein Medikament, das für Menschen gedacht ist, die sich nicht impfen lassen können oder die auf die Impfung nicht ansprechen. Der Unterschied zu einer Impfung ist folgender: Bei einer Impfung soll der Körper selbst Antikörper herstellen, bei AZD7442 werden diese von außen verabreicht. Das Präparat wird in den Muskel injiziert.

Antiköper-Therapien sind ein vielversprechender Ansatz in der Behandlung von Covid-19. Allerdings gibt es vorerst zwei nicht unwesentliche Kritikpunkte. Einerseits müssen diese im Normalfall sehr früh im Krankheitsverlauf verabreicht werden, um diesen bestmöglich beeinflussen zu können. Zum anderen ist diese Art der Medikation äußerst kostspielig. Hier kann eine Behandlung schon "mehrere tausend Euro" kosten. Einer der Vorteile ist hingegen, dass Antikörper nur einmal verabreicht werden müssen.

Podcast

Wie Covid-19 aktuell behandelt wird und auf welche Präparate zurückgegriffen wird, schildert Lungenexperte Bernd Lamprecht in einer Folge des "Corona Update"-Podcast der Kleinen Zeitung. Hier können Sie die Episode anhören:

 

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