Dass in der Praxis von Logopädin Alice Reinisch in Deutschlandsberg ein Handy-Verbotsschild hängt, hat gute Gründe: „Ich habe im Wartezimmer beobachtet, dass die Eltern nur am Handy tippen, während die Kinder spielen oder versuchen, mit Mama oder Papa Kontakt aufzunehmen.“ Das, so die Logopädin, sei eine der Ursachen dafür, warum immer mehr Kinder Probleme beim Sprechenlernen haben: Zu wenig Kommunikation und direkte Ansprache von ihren engsten Bezugspersonen, weil diese ständig am Handy hängen. Gleichzeitig verbringen Kinder selbst immer mehr Zeit vor Bildschirmen – und verpassen dabei wichtige Entwicklungsschritte im Spracherwerb.

Es ist also eine doppelte Problemstellung: Einerseits werden schon Kleinkinder vor Bildschirmen „geparkt“, andererseits verbringen Eltern selbst viel Zeit mit Smartphone & Co. Was dabei jedenfalls zu kurz kommt: die Interaktion zwischen Kind und Eltern.

Zu wenig Aufmerksamkeit für Kinder

Diesen Umstand zeigte der Berufsverband der Logopäden, Logopädie Austria, auch kürzlich in einem offenen Brief an die politischen Verantwortungsträger auf. Darin wird nicht nur die Diskussion um Smartphone-Verbote in Schulen und Altersgrenzen für Social Media begrüßt, sondern auch betont: „Eine zentrale Rolle spielt das Medienverhalten der Bezugspersonen. Wenn Kleinkinder nicht ausreichend Aufmerksamkeit, Beziehung und Interaktion erfahren, weil digitale Geräte die elterliche Präsenz verdrängen, fehlen grundlegende Voraussetzungen für eine gesunde emotionale, soziale und kommunikative Entwicklung.“

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Alice Reinisch, Logopädin in Deutschlandsberg
Alice Reinisch, Logopädin in Deutschlandsberg © privat

Schon im ersten Lebensjahr entwickelt sich das Sprachverständnis von Kleinkindern: „Damit Kinder Sprache erlernen können, brauchen sie ganz viel Kommunikation mit ihren Bezugspersonen“, erklärt Reinisch. Dazu gehört nicht nur die Sprache, sondern auch der Blickkontakt, die Mimik und Gestik sowie das gemeinsame Erforschen der Umwelt. Alltägliche Situationen nutzen und sie mithilfe von Sprache erkunden: Das ist der wichtigste Rat, den Experten Eltern geben, um die Sprachentwicklung zu fördern. Beim gemeinsamen Kochen die Lebensmittel und Handgriffe beschreiben; bei der gemeinsamen Busfahrt erklären, was man vom Fenster aus sehen kann; beim Spaziergang die Geräusche und Wahrnehmungen beschreiben, die man gemeinsam macht. Für Logopädin Reinisch ist es erschreckend, wenn sie Eltern sieht, die ihr Kind im Kinderwagen spazieren führen und dabei nur aufs Handy schauen, statt ihrem Kind die Welt zu erklären.

Über Bildschirme lernen Kinder nicht sprechen

Damit Kinder Sprache erlernen, braucht es die Interaktion mit anderen „Sprechern“: Über Bildschirme lernen Kinder nicht zu sprechen, denn dabei findet keine Interaktion statt. Ganz im Gegenteil, Zeit vor digitalen Medien stört den Spracherwerb, wie auch wissenschaftliche Studien belegen. So zeigt zum Beispiel eine australische Studie: Jedes Plus an Bildschirmzeit ist mit einem Rückgang der Eltern-Kind-Gespräche verbunden. Infolge hörten die Kinder weniger Worte von den Erwachsenen in ihrem Haushalt, sprachen selbst weniger und interagierten seltener in Gesprächen. 

Die ersten drei Lebensjahre sind entscheidend

Der Spracherwerb ist eine zeitkritische Angelegenheit: In den ersten drei Lebensjahren werden im Gehirn die Grundlagen für Sprache gelegt. „Unser Gehirn ist in einem gewissen Alter offen für bestimmte Entwicklungsschritte“, erklärt Logopädin Reinisch. Wird in diesem Zeitfenster nicht ausreichend Input in Form von Kommunikation und Sprache geliefert, schließt sich das Fenster wieder und es wird immer schwieriger für Kinder, diese Entwicklungsschritte aufzuholen. Wenn in dieser Phase das System Sprache nicht trainiert wird, bleibt es in einem nicht ausgebautem Zustand – und das führt zu Problemen in der späteren Bildungsbiografie. Denn: Sprache ist die Voraussetzung für Bildung, fehlt das Fundament, haben es Kinder in der Schule viel schwerer.

„Prinzipiell betreffen Sprachentwicklungsstörungen etwa 7 bis 10 Prozent aller Kinder“, erklärt Martina Neumayer-Tinhof, Präsidentin von Logopädie Austria. Durch den vermehrten Medienkonsum werden diese Störungen gravierender: Wie so oft leiden jene Kinder, die ohnehin schon Probleme haben, noch stärker, wenn sie zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Es sei zwar nachvollziehbar, dass Eltern, die überfordert oder belastet sind, das Handy nutzen, um ihr Kind zur Ruhe zu bringen – doch genau da beginne ein Teufelskreis mit gravierenden Folgen fürs spätere Leben.

Verhaltensauffällig, weil sie nichts verstehen

Auch Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern entwickeln sich sehr oft aus dem fehlenden Verständnis für Sprache: „Auf Erwachsene kann das so wirken, dass die Kinder nicht hören wollen – dabei verstehen sie in Wahrheit nicht, was man zu ihnen sagt“, erklärt Logopädin Reinisch. Auch aggressives Verhalten bei Kindern könne daher stammen, dass sie nicht verstehen, was andere von ihnen wollen. Laut den Logopädinnen brauche es dringend ein Bewusstsein bei uns Erwachsenen, welches Vorbild wir abgeben, wenn wir bei jedem „Pieps“ des Handys unsere Aufmerksamkeit dorthin wenden. Denn die Konsequenz daraus ist: „Kinder bekommen von ihren Bezugspersonen nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt, die sie brauchen“, sagt Reinisch.