Dass internationale Forscher von einer „Parkinson-Pandemie“ sprechen, kommt nicht von ungefähr: Waren es im Jahr 1990 ungefähr 2,5 Millionen Parkinson-Patienten weltweit, stieg die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2015 auf mehr als 6 Millionen. Bis zum Jahr 2040 geht man laut Hochrechnungen von mehr als 17 Millionen Parkinson-Patienten weltweit aus. Damit ist Parkinson die am schnellsten wachsende neuro-degenerative Erkrankung – doch warum ist das so? Das haben wir Petra Schwingenschuh, Neurologin und Parkinson-Expertin an der MedUni Graz gefragt.
„Der Hauptgrund ist, dass die Menschen älter werden: Parkinson ist eine Alterserkrankung. Auch leben Menschen mit der Parkinson-Erkrankung länger“, erklärt Schwingenschuh, die auch Vizepräsidentin der österreichischen Parkinson-Gesellschaft ist. Gleichzeitig rücken aber auch Umweltfaktoren in den Fokus in der Ursachensuche: Dabei spielen auch Pestizide und Umweltgifte eine zentrale Rolle.
Pestizide und Luftverschmutzung erhöhen das Risiko
Doch von Anfang an: Generell werden Menschen mit einem gewissen genetischen Risiko für Parkinson geboren. „Wir kennen mittlerweile mehr als 100 genetische Orte auf der DNA, sogenannte Risiko-Loci, die mit der Parkinson-Erkrankung in Zusammenhang stehen“, sagt Schwingenschuh. Die genetische Ausstattung ist die Basis, zu der sich im Laufe des Lebens Risikofaktoren ansammeln. „Bei den Umweltfaktoren erhöhen bestimmte Pestizide, Lösungsmittel, aber auch Luftverschmutzung das Parkinson-Risiko“, erklärt die Expertin.
Für das Unkrautbekämpfungsmittel Paraquat gibt es schon zahlreiche Studien, die einen Zusammenhang mit Parkinson nahelegen – in der EU ist dieses Pestizid bereits seit dem Jahr 2007 verboten. „In den USA und in China allerdings ist das Mittel eingeschränkt noch immer erlaubt“, sagt Schwingenschuh. Eine kürzlich veröffentlichte Studie in den USA hatte gezeigt, dass Menschen, die in der Nähe eines Golfplatzes wohnen, ein zweieinhalbfach erhöhtes Risiko für Parkinson haben – als Ursache wurden die auf den Golfplätzen verwendeten Pestizide angeführt.
Berufskrankheit bei Landwirten
Den Zusammenhang gibt es auch beim Fungizid Maneb, das gegen Pilzerkrankungen bei Pflanzen eingesetzt wird: Auch dieses Mittel ist in der EU seit 2008 verboten. Der Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson hat auch dazu geführt, dass in Deutschland Parkinson als Berufskrankheit bei Landwirten anerkannt wurde. Denn: Je intensiver und länger man Pestiziden ausgesetzt ist, desto größer auch das Risiko. Auch Lösungsmittel, wie beispielsweise Trichlorethen werden mit Parkinson in Verbindung gebracht, dieses ist in der EU seit 2016 verboten und darf nur mit Zulassung verwendet werden. Laut Schwingenschuh gelte es auf Basis dieser Erkenntnisse bei Neuzulassungen von Substanzen sehr genau zu überprüfen, ob diese vielleicht ebenso „giftig“ auf Nervenzellen wirken können, wie bereits verbotene Stoffe.
So wie das Wissen um schädliche Umwelteinflüsse, wachsen auch die Erkenntnisse über Früherkennung und Behandlung der Erkrankung: Obwohl die Wissenschaft noch nicht genau weiß, warum die Gehirnzellen im Zuge der Parkinson-Krankheit absterben, wird dem Protein Alpha-Synuklein eine zentrale Rolle beim Krankheitsprozess zugeschrieben. Dieses Protein verklumpt sich nämlich und führt zu Ablagerungen, die dann zum Absterben der Nervenzellen führen. „Da der Zerstörungsprozess zuerst bei den Riechnerven und den Nervenzellen des Magen-Darm-Traktes startet, sind Früh-Symptome der Parkinson-Krankheit Geruchsstörungen, Verstopfungen, veränderte Stimmung und REM-Schlaf-Verhaltensstörungen. Sie treten viel früher auf als typische motorische Symptome wie das Zittern, Muskelsteifigkeit und die Bewegungsverlangsamung“, erklärt die Neurologin. In der Forschung wird deshalb derzeit intensiv daran gearbeitet, Medikamente zu entwickeln, die eine Verklumpung des Alpha-Synuklein verhindern oder verlangsamen können.
Krankheit wirkt schon zehn Jahre vor Symptomen
Dazu ist es aber notwendig, dass die Parkinson-Erkrankung frühzeitig erkannt wird – und nicht erst dann, wenn schon ein Großteil der Dopamin-produzierenden Zellen zugrunde gegangen ist. Heute ist es aber so, dass die Parkinson-Krankheit häufig erst diagnostiziert wird, wenn bereits 70 Prozent der Dopamin-produzierenden Zellen in der schwarzen Substanz im Gehirn abgestorben sind. „Wir gehen davon aus, dass die Parkinson-Krankheit schon mindestens zehn Jahre lang im Körper wirkt und es zu Schädigungen im Gehirn kommt, bevor die ersten typischen Symptome auftreten. Auch hier setzt man große Hoffnung in das Protein Alpha-Synuklein: Laut aktuellen Studien kann dieses schon frühzeitig im Blut von Betroffenen nachgewiesen werden – und zwar noch vor Ausbruch der Erkrankung. „Das läutet wirklich eine neue Ära ein: Dadurch könnten wir Parkinson frühzeitig entdecken und in Zukunft hoffentlich auch mit neuen Medikamenten, die gerade in Entwicklung sind, behandeln“, sagt Schwingenschuh.
Bis dahin gibt es einen wichtigen Faktor, um sich vor Parkinson zu schützen: „Wir wissen, dass Bewegung vor Parkinson schützen kann“, sagt die Expertin. Dafür sollte man zumindest drei Mal pro Woche eine halbe Stunde Sport betreiben, die besten Effekte zeigt Ausdauersport!