Ein Nachmittag wie viele. Von der Arbeit heim, den Kopf noch voll davon, tausend Dinge, die anstehen, und dann hinsetzen, mit dem Kind Aufgaben machen. Nur wenige Eltern sind in dieser Situation nicht überfordert. Nur wenige verlieren nicht die Nerven, haben Lust, auch noch mit dem Nachwuchs zu lernen, tun es aber dennoch. Die Ausgangslage schreit förmlich nach emotionaler Aufgeladenheit und Streit. Meist lässt Letzterer auch nicht lange auf sich warten, die Situation eskaliert, Tränen fließen. Was bleibt, sind ungelöste Aufgaben, die Aussicht auf schlechte Noten und schlechte Stimmung. In ihrer Hilflosigkeit stellen sich viele Eltern dieselben Fragen. Experten haben einige davon für Sie beantwortet.

Wie kann Lernen mit meinem Kind auch unter Zeitdruck positiv ablaufen?

In dem Moment, in dem Eltern sich zum Lernen mit ihrem Kind hinsetzen, sollten sie sich von äußerlichen Einflüssen möglichst komplett abgrenzen. „Nebenbei“ funktioniert das Lernen nämlich in den seltensten Fällen zufriedenstellend. Wesentlich dabei ist, sich zunächst einmal auf das Kind und nicht auf die Sache, sprich die konkrete Aufgabe, zu konzentrieren. Dadurch, dass man das Kind anschaut, man sich vollkommen darauf einlässt, baut man die Beziehung, die so wesentlich für das Lernen ist, auf. Liefert Ihnen das Kind in so einer Situation dennoch einen Machtkampf, ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen.

Warum liefert mir mein Kind ständig Machtkämpfe?

Viele Kinder leisten Widerstand, weil sie dafür „belohnt“ werden. Oft bemühen sich Eltern nämlich, wenn ein Kind Widerstand zeigt, zunächst besonders um das Kind, um es so zu motivieren. Sie sprechen etwa mit extra warmer Stimme, lächeln und gehen sehr eindringlich auf das Kind ein. Für das Kind bringt somit sein widerständiges Verhalten eine Art Macht über die Eltern mit sich. Es arbeitet nicht mit, wird aber dennoch mit besonders viel Zuwendung verwöhnt und kann seine Eltern steuern. Zudem entgeht es auch noch dem Lernen, dem eigentlichen Anliegen des Kindes, und braucht sich obendrein auch nicht anzustrengen.

Wie kann ich solche Widerstände durchbrechen?

Bei Machtkämpfen bleibt auf Dauer für Beziehung kaum Luft. Eine gute Möglichkeit, Machtkämpfe in den Griff zu bekommen, ist, noch bevor die Situation eskaliert bzw. gleich am Beginn des gemeinsamen Lernens, mit dem Kind zu reden. Ihm die Konsequenzen (etwa Medienverbot), wenn es nicht mitarbeitet, in ruhigem Ton zu erklären. Dabei können Eltern für sich entscheiden, wie oft das Kind gegen die Vereinbarung verstoßen darf, bevor die Konsequenz zum Tragen kommt. „Zugelassene“ Verstöße sollten mit der Zeit auf null reduziert werden. Wichtig ist, dem Kind genau in der Sekunde, in der der Verstoß erfolgt, eine Rückmeldung zu geben und die angedrohte Konsequenz letzten Endes auch umzusetzen.

Warum bin ich beim Lernen mit meinem Kind so genervt?

Oft tragen Eltern selber dazu bei, dass ihr Kind Widerstand beim Lernen entwickelt. Viele Eltern lassen sich unkooperatives Verhalten nämlich sehr lange gefallen, versuchen es zunächst „im Guten“, indem sie besonders intensiv auf ihr Kind eingehen. Erst wenn die Situation ausgereizt ist, reagieren sie beispielsweise mit strenger Stimme oder strengem Gesicht. Im Gehirn des Kindes hat sich zu diesem Zeitpunkt jedoch ein Muster verankert: „Ich bin jetzt widerständig, was bekomme ich dafür?“ Eltern verstärken quasi im Sekundenfenster diesen Widerstand durch ihre positive Zuwendung oder indem sie diesen zulassen. Grenzen sofort zu setzen, wäre für beide Seiten besser.

Wie motiviere ich mein Kind zum Lernen?

Der wohl größte Motivator für Kinder ist der Erfolg. Der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben sollte daher immer so gewählt werden, dass diese für das Kind machbar sind. Es gibt Kinder, die können es ertragen, auch länger an einer Aufgabe zu sitzen, bis sie sie gelöst haben. Jedes Kind hat in dieser Hinsicht seine individuelle Grenze. Die Kunst für die Eltern ist es, das Kind so genau zu beobachten, dass sie erkennen, wann das Kind überfordert ist. Ist der Schwierigkeitsgrad, der von der Schule vorgegeben wird, zu hoch, können hier im Sinne des Erfolgs und der Freude am Lernen auch Abstriche gemacht werden. Der zweite Motivator für Kinder ist der Faktor Beziehung. Erfolg und Beziehung liegen im Wert sehr nahe beieinander. Als dritter Punkt spielt die Neugierde eine ganz wesentliche Rolle beim Lernen.

Wie lobe ich mein Kind „richtig“?

Man kann sein Kind einerseits für ein Ergebnis, sprich eine Note, loben und andererseits für seine Anstrengung. Wesentlich dabei ist: Wird das Ergebnis gelobt, dann sollte diesem eine Anstrengung vorausgegangen sein. Hochbegabte etwa, die sich für eine Lösung gar nicht anstrengen mussten, könnten ein Lob für das richtige Ergebnis als falsches Signal deuten. Unter Anstrengung kann man unter anderem die aufgebrachte Konzentration, die innere positive Einstellung zum Lernen (ein Kind setzt sich zum Beispiel freiwillig ohne Aufforderung zu den Hausübungen) oder aber auch die Freude, mit der ein Kind ans Lernen herangeht, verstehen. Eine besondere Qualität erhält ein Lob, wenn es tatsächlich von Herzen kommt, das heißt, wenn sich Mutter oder Vater auch wirklich über den Erfolg des Kindes freuen.

Mein Kind hat kaum Selbstwert. Wie fördere ich diesen?

Richtiges Selbstbewusstsein entwickelt man nur, wenn man viele verschiedene positive Seiten an einem selber erkennt. Kinder können sich meist nur dort positiv sehen, wo sie auch (von Eltern, Lehrern, Verwandten etc.) gelobt werden. Oft wissen Kinder nichts von ihren positiven Seiten, weil sie keine Rückmeldung dazu erhalten, da Handlungen als „normal“ erachtet werden. Es ist nicht das Lob an einer Leistung, das Kinder am Ende selbstsicher macht, sondern es sind die feinen Rückmeldungen bei vielen kleinen Dingen des Alltags, etwa wenn sich ein Kind sehr sozial verhält, sich um Schwächere kümmert, mit anderen teilt, höflich ist oder für bestimmte Dinge Geduld aufbringt.

Mein Kind setzt sich selber stark unter Druck. Warum? Was kann ich dagegen tun?

Die Gründe dafür sind natürlich von Kind zu Kind verschieden. Oft sind es aber Kinder, die gut in der Schule, sozial und verantwortungsbewusst sind, die sich dennoch selber leistungstechnisch stark unter Druck setzen, die richtiggehend verzweifeln, wenn sie nicht mit ausschließlich sehr guten Noten nach Hause kommen. Diese Kinder haben oft erlebt, dass Eltern sie mit strenger Stimme auf ihre Fehler hinweisen. Diesem Entzug der Wärme versuchen sie durch noch bessere Leistung zu entgehen. Der Druck, den sie selber auf sich ausüben, wächst. Es hilft, sein Kind verstärkt für seine Anstrengungen zu loben und ihm in Momenten, wo es sich wieder einmal „reinsteigert“, sofort eine Rückmeldung zu geben, damit sich das Kind seines Handelns bewusst wird. Im Extremfall könnte eine Taktik bedeuten, dass, kommt ein Kind mit einer schlechten Note nach Hause, man es trotzdem allein schon für seine Anstrengung lobt, wenn es sich gewissenhaft vorbereitet hat. Die Botschaft lautet: „Die Note lass uns egal sein, du hast alles gegeben.“

 

Die Experten: Fritz Jansen und Uta Streit
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