Man sieht ihn vor sich: den mürrischen Teenager, der beim Abendessen kein Wort sagt. Die Tochter, die plötzlich bis nach Mitternacht ausgehen will, weil die Freundin das auch darf. Und gemeinsame Familienausflüge – uncool! Familientherapeut Jesper Juul hat einmal gesagt: Bei einem pubertierenden Kind ist ein unsichtbares Schild am Kopf angebracht: „Wegen Umbaus geschlossen.“ Und tatsächlich sprechen Neurologen in der Pubertät vom größten Umbau des Gehirns seit der Trotzphase: 60 bis 70 Prozent der Nervenbahnen werden gekappt, andere neu verstärkt. Aber sind die Auswirkungen wirklich so schlimm?

Entwicklungspsychologin Monika Stoiser-Berger: „In der Pubertät gilt: Augen zu und durch – und in Kontakt bleiben.“ Die Grundlage für eine gute Beziehung werde jedoch schon davor gelegt: „Wenn man bis zum zwölften Lebensjahr keine stabile Bindung aufgebaut hat, wird es in der Pubertät schwer, grundlegende Veränderungen nachzuholen.“ Eltern sollten sich frühzeitig um Vertrauen und eine Beziehung auf Augenhöhe bemühen. Stoiser-Berger betont, wie wichtig es ist, auch in der Pubertät präsent zu sein, was nicht immer einfach ist. „Von zehnmal anklopfen an die Kinderzimmertür ergibt sich vielleicht nur einmal ein Gespräch. Aber dieses eine Mal zählt.“ Dabei sollten Eltern respektvoll bleiben und Übergriffigkeit vermeiden: „Handys kontrollieren oder heimlich Nachrichten lesen geht gar nicht. Was ich nicht will, dass jemand bei mir tut, mache ich auch nicht bei meinem Kind.“

Keine Freundinnen

Ein häufiger Fehler, den Stoiser-Berger sieht, ist eine zu partnerschaftliche Erziehungshaltung: „Die Mama ist nicht die große Schwester oder Freundin, sie bleibt die Mama.“ Partnerschaftlichkeit ist vor allem für das Kind ungesund; die Verantwortung trägt immer der Erwachsene. Jugendliche brauchen klare Strukturen. „Loslösen tut weh und kann auch konfliktbeladen sein. Das gehört dazu. Aber Mutter wie Vater dürfen nicht vergessen: Es geht nicht um sie als Personen, sondern um ihre Rollen als Erwachsene, die die Autonomie einschränken.“ Wichtig sei, sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren: „Fragen Sie sich: Warum rege ich mich so auf? Oft sind es die eigenen Themen, die hochkommen.“ Auszeiten zwischendurch bringen neue Energie.

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Freunde und Hobbys

Eine wichtige Stütze in dieser Zeit für die Jugendlichen sind Freundschaften. Ein guter Freund mindert die Gefahr, die durch Gruppen entstehen kann, wenn sie ein Übermaß an Einfluss auf die Risikobereitschaft bekommen, die zu diesem Alter dazugehört. Sport, Musik oder andere Hobbys helfen ebenso: „Je mehr alternative Netzwerke ein Jugendlicher hat, desto leichter kommt er durch diese Zeit“, betont Stoiser-Berger. Gerade Mädchen hadern in dieser Phase oft mit ihrem Körper: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren zufrieden mit ihrem Körper ist, geht gegen null.“ Hier können Sportvereine gut sein: „Bewegung hilft, den Körper zu akzeptieren und ihn auch besser kennenzulernen.“

Gleichzeitig warnt die Expertin vor übermäßigem Druck: „Wenn es Richtung Leistungssport geht, kann es schnell kippen und Probleme wie Essstörungen hervorrufen.“ Eltern sollten aufmerksam bleiben, wenn Kinder mit ihrem Körper unzufrieden sind, und bereits bei ersten Anzeichen reagieren.

Belastend ist diese Zeit für viele Eltern auch, weil man sich viele Sorgen macht. Und es ist anstrengend, dranzubleiben. Stoiser-Berger: „Zurückziehen oder resignieren wäre leichter und sich zu denken, das wird schon wieder. Aber es wird von allein nicht wieder.“ Ihr Rat an Eltern: Gelassenheit, klare Strukturen und viel Präsenz. „Bleiben Sie in Kontakt und investieren Sie in gemeinsame Erlebnisse. Zusammen kochen, einen Ausflug machen oder gemeinsam shoppen gehen. Was zählt, ist die Zeit miteinander.“ Dabei sollten die Interessen des Kindes im Vordergrund stehen.

Entwicklung

Trotz aller Herausforderungen sei die Pubertät eine spannende und bereichernde Phase, sagt die Psychologin: „Es ist eine Zeit des Fortschritts und der Entwicklung.“ Auch wenn die Jugendlichen sich neu orientieren, bleiben die in früheren Jahren gelegten Grundwerte erhalten. „Nach der Pubertät kommen viele Kinder zu ihren Eltern und sagen, dass sie dankbar sind, weil sie die Dinge mit Abstand anders sehen.“