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Brasilien

Warum Brasilien Telenovelas so liebt

Brasilien verdanken Millionen Fernsehzuseher ihre tägliche Dosis verlässlicher Romantik - in Telenovelas.

Telenovela Sinha Moca
Telenovela Sinha Moca © ORF
 

Nun gut, Straßenfeger sehen hierzulande anders aus. Aber fällt die Telenovela kurzfristig einmal aus, kann das Stammpublikum schon aus seinem Tagestakt geraten. Werktags um 15.10 Uhr spielt es gleichzeitig in ORF 2 und der ARD „Sturm der Liebe“ und 134.000 Österreicher bzw. 1,8 Millionen Deutsche sitzen verlässlich vor dem Schirm. Und bangen mit Clara um deren frisch entfachte Liebe zu Adrian, die flugs auf die Probe gestellt wird.

Als das Novum Telenovela in den 80er-Jahren aus Lateinamerika zu uns schwappte, war ihr Stellenwert noch ein anderer (es gab allerdings auch nur zwei Sender): „Die Sklavin Isaura“ und später „Sinhá Moça“ - beides mit der heute 59-jährigen Lucélia Santos in der Hauptrolle - liefen um 18.30 Uhr in ORF eins. Damals saßen Oma, Mama und Enkerln noch zu Hunderttausenden geeint vor dem Fernseher und verfolgten die fiktionalen historischen Geschichten aus Brasilien.

Nerv getroffen

Ein Vorläufer der Telenovela entstand auf Kuba noch vor Verbreitung des Radios: In den Zigarrenfabriken wurde den Arbeiterinnen aus Fortsetzungsromanen vorgelesen, in den 30er-Jahren folgte die erste Radionovela. 1950 schlossen sich Kuba, Mexiko und Brasilien zusammen und brachten mit „Sua vida me pertence“ die erste Telenovela ins Fernsehen. Weite Teile Lateinamerikas zeigten sich begeistert, aber in Brasilien traf das Format einen besonderen Nerv, denn der damals ausgelöste Hype hält bis heute, 66 Jahre später, an.

Die neueste Telenovela läuft auf dem Sender Rede Globo stets zur besten Sendezeit: zur Primetime, direkt im Anschluss an die Nachrichten. Den Aufstieg zum drittgrößten TV-Netzwerk der Welt (80 Millionen Seher täglich) verdankt Rede Globo auch seiner „Sklavin Isaura“, die 1976 Premiere feierte. In 95 Länder konnte man das Format verkaufen, darunter auch China. Derzeit hat der Sender gleich sechs Telenovelas im Programm, „Velho Chico“ ist das Zugpferd am Abend - verfolgt von durchschnittlich 35 Millionen Brasilianern.

So schafft sich das Publikum eine überblickbare Welt. 

Peter Vitouch, Medienpsychologe

Genre ohne Ablaufdatum

Seien es die 134.000 täglichen Seher in Österreich, die fast zwei Millionen in Deutschland oder 35 Millionen Brasilianer - die wie am Fließband produzierten Romanzen scheinen ein Genre ohne Ablaufdatum zu sein. Medienpsychologe Peter Vitouch geht noch einen Schritt weiter: „Meine Prophezeiung ist, dass Telenovelas wieder wichtiger werden. So schafft sich das Publikum eine überblickbare Welt. In einer Welt, in der es immer schwieriger wird, die diversen Geschehnisse einzuordnen und vor allem Vorhersagbarkeit zu liefern.“

Die Menschen haben in so schweren Zeiten das Bedürfnis, ein Märchen zu sehen. 

Asli Tunç, Medienwissenschaftlerin

Verknappt könnte man sagen, wer abschalten will, schaltet Telenovelas ein: „Die Formate vermitteln Grundbedürfnisse - nach Heimat, Überblickbarkeit und Vorhersagbarkeit. In dieser fiktionalen Welt findet man sich schnell zurecht und wird im Grunde genommen zu einem Familienmitglied“, analysiert Vitouch. Medienwissenschaftlerin Asli Tunç sagt: „Die Menschen haben in so schweren Zeiten das Bedürfnis, ein Märchen zu sehen. Sie wollen, dass die Bösen ihre Strafe bekommen.“ Ein nachvollziehbarer Wunsch, dessen Erfüllung sich allerdings auf Serienwelten zu beschränken scheint.

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