619 – so viele Stimmen fehlten dem Antirassismus-Volksbegehren "Black Voices", das das Ziel verfolgt, eine gleichberechtigte Teilhabe von People of Colour (PoC) in der österreichischen Gesellschaft zu schaffen, zur 100.000-Stimmen-Grenze. Zahlreiche prominente Unterstützerinnen und Unterstützer teilten das Volksbegehren in den sozialen Medien, unter anderem Bloggerin Christl Clear, Schauspielerin Ursula Strauß und die Band Bilderbuch. Ein Ergebnis, das Black-Voices-Sprecherin Asma Aiad und den Rest des Teams nicht glücklich stimmt, aber weiter anspornt: "Wir haben am Montag noch richtig mitgefiebert, im Stundentakt ist die Zahl nach oben gegangen, deswegen war dann natürlich auch Frustration dabei, als es sich so knapp nicht ausgegangen ist."

Als Niederlage empfindet Aiad das Ergebnis nicht: "Es zeigt uns nur, wie wichtig ein antirassistischer Diskurs in Österreich ist und dass noch viel mehr getan werden muss, um die Aufmerksamkeit auf dieses Riesenproblem zu lenken." Seit mehr als zweieinhalb Jahren macht sich das Team rund um "Black Voices" dafür stark, Sensibilisierungsarbeit in allen gesellschaftlichen Bereichen zu leisten. Ein Aufwand, der notwendig ist, sei der Rassismus in Österreich immer noch stark strukturell verwurzelt, erklärt die Sprecherin. "Frauen, die ein Kopftuch tragen, müssen sich drei bis vier Mal so oft bewerben, um einen Job zu finden."

Auch Polizeigewalt ist in Österreich für PoC 2022 immer noch Alltag. "Es gibt auch keine unabhängige Beschwerdestelle, wo man solche Vorkommnisse melden kann", so Aiad. Auch auf den medizinischen Bereich wirkt sich der strukturell verankerte Rassismus aus. "Oft werden bestimmte Krankheiten bei schwarzen Personen und PoC lange nicht erkannt, weil die Lehrgrundlage weiße cis-Personen sind."

22 antirassistische Tipps

Den Ausgang des Volksbegehrens sieht Aiad als Realitätscheck. "Menschen, die Rassismus und Diskriminierung in ihrem Alltag nicht erleben, denken nicht darüber nach, welche Auswirkungen das System auf andere Menschen hat. In unserem Volksbegehren geht es um grundlegende Menschenrechte, die missachtet werden, und unsere Aufgabe ist, dazu zu animieren, dass sich weiße Personen aktiv mit ihrem Privileg auseinandersetzen."

Mit "War das jetzt rassistisch?" hat das "Black Voices"-Team ein Buch herausgebracht, in dem 22 antirassistische Tipps für den Alltag zu finden sind. "Viele Menschen sind sich oft gar nicht bewusst, was Rassismus eigentlich ist", weiß Aiad. "Umso wichtiger ist es, sich zu informieren und zu lernen." Unterstützen kann man PoC bereits im Kleinen, sagt Aiad. "Zivilcourage und sich in seinem Umfeld gegen Rassismus stark zu machen und sich gegen Diskriminierung auszusprechen ist ein wichtiger Schritt." 

1,4 Millionen Menschen dürfen nicht wählen

Enttäuscht über den Ausgang ist auch Unterstützerin Christl Clear. "Dass so wenig gefehlt hat, war wirklich bitter, doch im Vergleich mit den anderen Volksbegehren haben auch 'Recht auf Wohnen' und das Kinderrechts-Volksbegehren sehr wenige Stimmen bekommen, das sagt meiner Meinung nach viel darüber aus, wo die Prioritäten der Menschen liegen", sagt sie.

Asma Aiad ist Sprecherin von Black Voices
© Minitta Kandlbauer

Auch am Wahlgesetz äußert die Bloggerin, die nigerianische Wurzeln hat, Kritik. "Menschen, die seit Jahrzehnten ein wertvoller Teil unserer Gesellschaft sind und Steuern bezahlen, dürfen nicht mitbestimmen, was sich in ihrem Land tut. Das sollte endlich geändert werden." Das unterstreicht auch Aiad. In Zahlen bedeutet das: 1,4 Millionen Menschen in Österreich im Wahlalter sind mangels österreichischer Staatsbürgerschaft nicht stimmberechtigt – und dürfen somit auch kein Volksbegehren unterschreiben.

Auch der Ausgang der anderen Volksbegehren sei für Aiad ein Zeichen und eine Motivation, weiterzuarbeiten. "Das fehlende Bewusstsein für die Probleme einer großen Bevölkerungsgruppe ist ein Mitgrund dafür, dass wir die 100.000 Stimmen nicht geknackt haben, und bestärkt uns darin, weiter sensibilisieren zu wollen, um auf die unterschiedlichen Arten von Rassismus aufmerksam zu machen, die Menschen in Österreich jeden Tag erleben."

Christl Clear gibt unterdessen die Hoffnung nicht auf. "Menschen lernen so viel so schnell, deswegen glaube ich daran, dass sich etwas ändern kann. Es wäre nur wichtig gewesen, dass das Volksbegehren durchgeht. Aber wie heißt es so schön, aufstehen, Krone richten und weitergehen."