Frau Uhl-Hädicke, wie viel Psychologie steckt in der Klimakrise?
Isabella Uhl-Hädicke:
Sehr viel. Die Psychologie beschäftigt sich als Wissenschaft ja damit, warum wir Menschen so handeln, wie wir handeln. Und das ist höchst relevant für die Klimakrise. Nur leider ist die Psychologie bei dem Thema in der Öffentlichkeit gar nicht so präsent, weil meist Meteorologinnen und Meteorologen oder Klimaforscherinnen und Klimaforscher zu Wort kommen. Das ist natürlich extrem wichtig, aber der menschliche Aspekt kommt zu kurz. Die Frage müsste lauten: Wie erreichen wir die Menschen? Wie schaffen wir es, die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln zu schließen?

Zur Motivation: Man kommt sich in der Klimakrise in vielen Bereichen wie ein kleines Rad vor, das nicht viel bewirken kann. Wie kann man dieses Gefühl austricksen?
Man muss auch einmal sagen, dass diese Gefühle legitim sind. Es ist in Ordnung, sich überfordert oder hilflos zu fühlen. Aber: Man kann etwas verändern. Ja, Greta Thunberg ist ein Ausnahmebeispiel, sie war zu Beginn alleine mit ihrem Klimastreik, und jetzt mobilisiert sie mit „Fridays For Future“ Millionen. Man muss nicht gleich so eine Bewegung starten, aber man kann etwas für sich verändern und damit vielleicht auch ein Umdenken in seinem Umfeld anstoßen.

Der Klimawandel, die Coronakrise, nun der Krieg in der Ukraine. Sind wir zu erschöpft von all den Krisen, um es anzugehen?
Aus psychologischer Sicht sind die Pandemie und der Krieg sicher ein Hindernis, weil wir nur ein gewisses Kontingent an Krise oder Bedrohung vertragen. Gerade existenzielle Bedrohungen lösen Ohnmachtsgefühle oder Gefühle von Hilflosigkeit aus. Wir Menschen tendieren dann eher dazu, in die Verdrängung zu gehen, statt Probleme anzupacken.

Was muss passieren, damit wir auf "Anpacken" schalten?
Wir Menschen sind komplexe Wesen, wir werden durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Hinzu kommt, und das ist besonders herausfordernd, dass viele Einflussfaktoren unbewusst wirken. In meinem Buch habe ich versucht, diese Faktoren als Umweltschweinehund darzustellen, der viele Komplizen hat. Nichtsdestotrotz gibt es Gegenkräfte, die uns dabei unterstützen, diesem Schweinehund Paroli zu bieten.

Zum Beispiel?
Soziale Normen, diese ungeschriebenen Gesetze in der Gesellschaft. Wir werden vom Verhalten unserer Umgebung beeinflusst. Es kann dem Schweinehund zwar in die Karten spielen, aber es kann auch ein Umdenken unterstützen, wenn man merkt, dass sich das Umfeld verändert. Zum Beispiel: Trends. Sie unterstützen ein Umdenken. Der Trend zur fleischreduzierten oder fleischlosen Ernährung nimmt zu. Und viele denken sich dann: Okay, ich versuche das auch. Oder auch das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit. Wenn man sich als Gruppe zusammenschließt, ist man motivierter, weil man sieht, dass man etwas bewegen kann.

Verdrängt der Mensch zu schnell? Warum sehen wir im Sommer, wenn wir in den Städten schwitzen, die Klimaerwärmung als drängendes Problem. Im Winter jedoch nicht?
Die Herausforderung beim klimafreundlichen Verhalten ist, dass der Alltag dazwischenkommt. Die Psychologie zeigt, dass es nur zu einer Verhaltensänderung kommt, wenn wir unmittelbar einen gewissen Leidensdruck spüren. Das ist auch die große Herausforderung beim klimafreundlichen Verhalten: Wir spüren die Konsequenzen meist nicht unmittelbar. Wenn ich jetzt, in diesem Moment, meinen Lebensstil umstelle, wird es auf das Klima in der Zukunft einen Einfluss haben. Und das auch nur, wenn es eine gewisse Anzahl von Personen macht. Das macht es auch so schwierig für uns, weil wir so gestrickt sind, dass wir unser Verhalten verstärken oder reduzieren, je nachdem, ob es unmittelbar positive oder negative Konsequenzen hat.

Der Eisbär, der ausstirbt, er wurde zum Bild der Klimakrise. Ihre Forschungen haben aber gezeigt, dass der Mensch sich nicht von Fakten oder aussterbenden Arten überzeugen lässt. Wie müsste man die Botschaften verpacken? Und wie müssten sie lauten?
Der Eisbär ist omnipräsent, weil er das Bild gut veranschaulicht – ein abgemagerter, verschmutzter Eisbär auf einer kaum mehr vorhandenen Scholle. Das Bild löst zwar kurz Betroffenheit aus, aber es fehlt der Konnex zu Österreich und zum Alltag der Österreicherinnen und Österreicher. Und vor allem zum eigenen Verhalten. Das bedeutet: Man sieht etwas und denkt sich: schlimm und tragisch. Man lebt aber sein Leben weiter, weil man nicht sieht, dass man mit dem eigenen Verhalten dazu beiträgt.

Aber was wäre die richtige Botschaft? "Leute, wenn wir jetzt so weitermachen, werden wir in Zukunft jeden Sommer 55 Grad in der Wohnung haben"?
Genau, das Klima zu schützen, ist keine rein altruistische Handlung, sondern es geht konkret um unsere Zukunft hier in Österreich. Zum einen muss man erklären, wie es den einzelnen betrifft oder dessen Kinder. Aber auch: wie jeder einzelne dazu beiträgt oder auch positiv mitwirken kann. Ein sehr einleuchtendes Beispiel für mich waren die Waldbrände in Brasilien. Hier war vielen nicht bewusst, dass ihr Verhalten indirekt damit zusammenhängt, weil die Flächen für die Sojaproduktion abgerodet wurden - als Futtermittel für die Tiere. Und dieses Futter kommt auch in Österreich zum Einsatz.

Ihre Forschungen zeigen auch, dass die Konfrontation mit dem Klimawandel viele der Befragten xenophober machte. Wie passiert das?
Das theoretische Modell meiner Forschung beschäftigt sich damit, wie Personen auf existenzielle Bedrohungen reagieren. Hier weiß man aus langjähriger Forschungstradition, dass die Personen unmittelbar nach einer Bedrohung in eine Art Schockstarre verfallen. Dann brauchen sie einen Mechanismus, um mit diesem Gefühl umgehen zu können. Hier gibt es zwei Wege: Den direkten Weg – man beschäftigt sich direkt mit der Quelle des Problems. Bei der Klimakrise: Man versucht, sein Leben zu ändern und anzupassen. Wenn man nun aber einen Blick in die Gesellschaft wirft, sieht man, dass dieser direkte Weg vielleicht nicht immer der präferierte Weg ist. Die Personen brauchen aber immer noch einen Weg, um mit dem Bedrohungsgefühl umzugehen und um den Alltag zu meistern. Da kommen dann oft die symbolischen Handlungen zum Einsatz. Symbolische Handlungen können sein, dass Leute, die eigene Ethnie aufwerten und andere Ethnien abwerten und die eigenen Werte stärker verteidigen. Das Bittere daran ist: Für uns selbst, aber auch am Klimawandel selbst, ändert sich dadurch nichts.

Wie wichtig sind Anreize, um ein Umdenken anzustoßen?
Inwiefern kann die Politik sinnvoll eingreifen?
Die Politik ist in der Hauptverantwortung. Sie muss die Rahmenbedingungen setzen, damit klimafreundliches Verhalten leichter wird und idealerweise weniger kostet. Ich möchte die Rolle der Zivilgesellschaft nicht herunterspielen, politische Maßnahmen greifen einfach nur viel breiter. Zum Beispiel: Eine freiwillige 30er-Zone symbolisiert etwas anderes als eine verpflichtende 30er-Zone. Mit freiwilligen Anreizen erreicht man immer nur einen gewissen Teil der Bevölkerung. Nichtsdestotrotz ist es auch wichtig, die Verantwortung nicht nur auf die Politik zu schieben, sondern sich auch bewusst zu sein, dass wir in einer Wechselwirkung stehen. Dass wir durch Akzeptanz von politischen Maßnahmen, die vielleicht oft auch nicht so angenehm sind, die Politik dabei unterstützen, Maßnahmen umzusetzen.

Ist umweltfreundliches Verhalten ansteckend?
Der soziale Effekt ist sehr groß, in der Forschung spricht man von sozialen Normen, sie zählen zu den größten Einflussfaktoren. Es geht auch gar nicht darum, dass man das Verhalten direkt beobachten muss. Es reichen schon Hinweisreize, wie die akkurate Mülltrennung der Nachbarn. Studien zeigen, dass in Umgebungen, die bereits vermüllt sind, die Leute schneller achtlos ihren Müll wegwerfen als in ordentlichen Gegenden. Es sind Signale, die wir über die Umgebung aufnehmen. Man sieht: Hier halten sich alle an die Regeln, hier ist es also normal, sich an die Regeln zu halten, dann mache ich es auch.

Versteckt sich hinter der Klimakrise auch ein Generationenkonflikt?
Ja und nein. Ich sehe mehr ein Problem der verzerrten Wahrnehmung. Sicher, "Fridays For Future" ist eine junge Bewegung, aber nichtsdestotrotz zeigt sich, dass das Bewusstsein für den Klimawandel in der Bevölkerung generell groß ist. Wir haben gerade das Problem, dass durch neue Medienkanäle, kleine Gruppen nun eine viel stärkere Stimme bekommen, als sie vielleicht wirklich in der Bevölkerung vertreten sind. Zum Beispiel: Der Großteil der Österreicherinnen und Österreicher ist geimpft und trotzdem hat man das Gefühl, dass gerade sehr viele gegen die Maßnahmen sind. Kleine Gruppen organisieren sich sehr stark über die sozialen Plattformen. Da entsteht eben eine verzerrte Wahrnehmung, weil die große Mehrheit ruhig ist.