Weihnachten: das Fest der (Nächsten-)Liebe. Eine Zeit der Harmonie und Besinnlichkeit. So heißt es zumindest. Die Realität ist oft eine andere: „Die Weihnachtstage sind eine emotional oft angespannte Zeit“, sagt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. „Die Familie verbringt viel Zeit zusammen, die Erwartungen an die Feierlichkeiten sind groß, für das Fest soll alles perfekt sein. Doch gerade deswegen ist das Risiko für Streit, Spannungen oder Gewalt in der Familie besonders hoch.“

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat häusliche Gewalt deutlich zugenommen. Ausgehend von den Erfahrungen der letzten Jahre könne diese sich zu den Feiertagen erneut steigern, so Rösslhumer. Auch Michael Kurzmann vom Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark warnt vor einem erhöhten Gewaltpotenzial zu Weihnachten. „Vor allem in Familien, in denen Gewalt als Muster bereits vorkommt, stellen die Feiertage eine besondere Risikokonstellation dar.“

Verantwortung für das Handeln übernehmen

Dabei sind es überwiegend Männer, die auf Gewalt zurückgreifen. „Sie lernen oft nicht, mit inneren Konflikten umzugehen“, erklärt der Experte. Und dennoch: „Jede Person trägt hier die Verantwortung, diesen Weg der Gewalt nicht zu gehen.“

Dafür ist es wichtig, das eigene Verhalten zu reflektieren: „Sieht man die Partnerin noch als Mensch mit eigenen Bedürfnissen an oder geht es nur um die eigene Bedürfnisbefriedigung?“ Ebenso essenziell: die Frage, ob man in Konfliktsituationen Verantwortung für das eigene Verhalten übernimmt oder dem Gegenüber stattdessen die Schuld dafür zuschiebt.

Gewaltfrei kommunizieren lernen

Damit langfristig ein gewaltfreier Umgang gelingen kann, sollten Emotionen lokalisiert werden. In diesem Zusammenhang kann es sinnvoll sein, sich zu fragen: „Was sind Situationen, die mich reizen? Wie bin ich bisher mit diesen umgegangen? Kann ich künftig vielleicht auch anders damit umgehen, sodass es für mich selbst und besonders auch mein Umfeld weniger schädigend ist?“

Ein Beispiel: Die Partnerin kommt später als geplant nach Hause. Anstatt mit Misstrauen oder Zorn zu reagieren – „Sie will mir wohl auf der Nase herumtanzen“ – kann die Situation auch vollkommen anders eingeordnet werden: „Erzähl doch mal, du hattest sicher einen langen Tag.“

Michael Kurzmann ist als Psychoanalytiker, -therapeut, Sozialarbeiter und Lehrender tätig.
Michael Kurzmann ist als Psychoanalytiker, -therapeut, Sozialarbeiter und Lehrender tätig.
© Regine Schöttl

Zu betonen ist, dass es sich dabei allerdings nur um einen ersten Schritt handeln kann. Wesentlich ist es, die eigenen Emotionen wahrnehmen und gewaltfrei ausdrücken zu lernen. Wem das schwerfällt, für den kann es sinnvoll sein, Beratung oder Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, um daran zu arbeiten.

Konflikte entschärfen: Aber wie?

Kommt es an den Feiertagen zu Konfliktsituationen, sollten diese entschärft und eine Eskalation verhindert werden. „Wenn Sie merken, dass Wut in Ihnen aufsteigt, die Anspannung immer größer wird: Atmen Sie ruhig, nehmen Sie sich eine Auszeit. Verlassen Sie den Raum, machen Sie einen Spaziergang. Oder rufen Sie jemanden an, der Sie runterholen kann.“

Diese Möglichkeit bietet zum Beispiel die „Männerinfo“. Es handelt sich dabei um eine österreichweite Telefon-Hotline, an welche sich Männer wenden können, wenn sie fürchten, gewalttätig zu werden, oder es bereits geworden sind. 

Eine weitere Möglichkeit: die Männerberatung. Hier können Männer und männliche Jugendliche (aber auch Angehörige) kostenfrei, anonym und vertraulich Beratungsgespräche in Anspruch nehmen. Allein in der Steiermark sind es 1.500 Personen pro Jahr, mit denen die Berater laufend in Kontakt stehen. Neben Einzelangeboten gibt es auch solche für Gruppen, in denen sich Männer mit ähnlichen Erfahrungen untereinander austauschen und voneinander lernen können.

Gewalt ist niemals Privatsache

Wer selbst von Gewalt betroffen ist und den Feiertagen mit Sorge entgegensieht, sollte sich vorab einen Sicherheitsplan erstellen. Der Experte rät dazu, sich vorab wichtige Telefonnummern für den Notfall zu speichern. Ebenso wichtig kann es sein, über sichere Orte für akute Gefahrensituationen nachzudenken. Gewaltschutzzentren können dabei unterstützen.

Aber auch als Nachbarin und Nachbar solle man aufmerksam sein und im Notfall die Polizei verständigen, so Kurzmann. „Denn: Gewalt ist niemals Privatsache.“ Weder zu Weihnachten noch während des restlichen Jahres.

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