Um die Ecke liegt eines der hippsten Grätzel Wiens: der Karmelitermarkt mit seiner üppigen Auswahl an Cafés, Bistros, Designershops und Bars. Öffnet man jedoch die Türe dieses revitalisierten Biedermeierhauses in der Karmelitergasse, entert man eine hinreißend verwunschene, ruhige Welt. Dieser Ort ist wie eine Entschleunigungsmaschine. Eine alte Linde steht im Gemeinschaftsgarten, wilder Wein und Efeu ranken sich an den Innenwänden hinauf, und an einer Stelle ist der letzte Rest der alten Ghettomauer aus dem 17. Jahrhundert sichtbar, erklärt Bernhard Günther.

Der künstlerische Leiter des Musikfestivals Wien Modern hatte 2016 Glück, per Annonce fand er mit seiner Frau dieses Goldstück in der Leopoldstadt. Anfang der 1980er revitalisierte Architekt Walter Stelzhammer dieses U-förmige und damals abbruchreife Haus, das um 1780 errichtet wurde, für eine private Eigentümerschaft. 1986 erhielt er dafür den Stadterneuerungspreis.

Die kompakte 120-Quadratmeter-Wohnung mit verglaster Veranda und einer rund 43 Quadratmeter großen Terrasse ist ganz aufs Grüne ausgerichtet. Dort steht ein langer Holztisch und rundum wachsen viele Kräuter wie diverse Minzesorten, Melisse, Rosmarin, Lorbeer, Szechuanpfeffer oder das japanische Kraut Shiso. Die Terrasse ist in der warmen Jahreszeit das verlängerte Familienwohnzimmer.

Abtrennbar

Der Wohnraum drinnen ist stark von einem System aus zwei mal drei hellen Schiebetüren vorgegeben, mit denen sich der rechteckige Raum beispielsweise bei Besuch schnell unterteilen lässt, sich Dinge verstecken lassen oder man sich neben dem Wohnzimmer einen Arbeitsbereich abtrennen kann. Die Türen selbst bieten zusätzlich Platz - und das ist auch nötig. Zehntausende Bücher, Platten und CDs besitzt die Familie, hinzu kommen eine Vielzahl an Bildern, kleinen Objekten und Musikinstrumenten vom Klavier bis zu einer Reihe sogenannter Toy-Pianos. Eines hat einen zentralen Platz im Wohnzimmer bekommen: „Das habe ich mir gekauft, als ich den ersten Toy-Piano World Summit an der Philharmonie Luxembourg veranstaltet habe“, sagt Günther.

 

Hier wird gelebt, das spürt man sofort. „Manchmal organisieren wir auch Hausmusikabende.“ Das Analoge, Haptische, Entschleunigte wird in diesem Haushalt großgeschrieben - wie im Programm samt dazugehörigem Buch des Festivals.


Herzstück für den Intendanten ist die Küche. „Die habe ich mir teilweise selbst aus Kieferbrettern und Metallstangen aus dem Baumarkt zusammengebaut.“ Hunderte Gewürzdosen stapeln sich neben vielen Pfannen und Sieben und Trichtern. Das selbst gewuzelte Baguette kam gerade frisch aus dem Ofen. Zum fantastischen Blick ins Grüne schmeckt es köstlich.