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Chaos um Namen von Arten 100 Namen für ein Tier: Wie man das zu lösen versucht

Es gibt wesentlich mehr Namen für Arten auf der Erde, als es überhaupt Lebewesen gibt. Das sorge bei Nichtexperten oft für Verwirrung - vor allem bei Arten, die auch als Nahrungsmittel genutzt werden.

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1792 entdeckte Giuseppe Olivi eine kleine Schnecke an der Küste Venedigs: Die „Kleine Strandschnecke“, Littorina saxatilis. „Sie ist ein besonders drastisches Beispiel,“ meint Andreas Kroh, Wissenschafter am NHM-Wien. „Das Tier taucht mit über 100 unterschiedlichen Namen und Namenskombinationen in der Literatur auf. Sie ist sehr weit verbreitet und weist eine starke Farb- und Formvariabilität auf, daher wohl die Fülle an Benennungen.“

Es gibt Millionen von Namen für die Lebewesen auf der Erde – wesentlich mehr, als es unterschiedliche Lebewesen gibt – und eine Vielzahl an Möglichkeiten, diese Lebewesen zu klassifizieren. Wer nicht unbedingt Expertin oder Experte für die jeweilige Gruppe von Lebewesen ist, kann bei der Verwendung der wissenschaftlichen Literatur oder von Datenbanken leicht übersehen, dass mehrere verschiedene Namen dieselbe Art bezeichnen und dass – umgekehrt – manchmal mehrere verschiedene Arten unter demselben Namen laufen.

Probleme bei essbaren Arten

Das verursacht Probleme, vor allem wenn es um Arten geht, die als Nahrungsmittel genutzt werden, die Krankheitserreger oder Schädlinge sind, oder wenn es sich um schützenswerte oder invasive Arten handelt, die einheimischen Lebensräume bedrohen.

In einem, am 10. September in der Fach-Zeitschrift „Trends in Ecology and Evolution“ erschienenen Artikel präsentierten Forscherinnen und Forscher, wie durch internationale Kollaboration an einer zentralen Datenbank ein globales Inventar zur Klassifizierung aller Arten der Erde geschaffen werden könnte: Mittels eines kostengünstigen, von Experten betreuten Systems sollen Forscherinnen und Forscher die Hundertausenden ungültigen und veralteten Namen in den Griff bekommen.

Eigene Experten für Artennamen

Bis heute gibt es kein komplettes Inventar aller Artnamen, das die gültigen Namen mit ungültigen und/oder veralteten Namen verknüpft und ständig aktualisiert wird. Ein solches Projekt würde nicht nur eine Datenbank benötigen, die alle Namen erfasst, sondern auch Expertinnen und Experten (Taxonomen), die das Wissen besitzen, wie die Namen miteinander verknüpft sind. Leider gibt es dafür keine einfache „Einmal-Lösung“, weil Tausende von neuen Arten jedes Jahr entdeckt werden und neue Forschungsergebnisse zu Veränderungen in der Klassifizierung bekannter Arten führen. Ein solches Inventar müsste daher konstant aktuell gehalten und mit den publizierten Forschungsergebnissen verknüpft werden. Aus diesem Grund ist ein Business-Modell erforderlich, das auf lange Zeit finanzierbar ist.

Die Meeresarten als gutes Beispiel 

Dass die Umsetzung eines solchen Projekts möglich ist, zeigt eine 2007 gestartete Zusammenarbeit in der Scientific Community der Meeresbiologinnen und -biologen: Seit mehr als 10 Jahren arbeiten 500 Experten aus 41 Ländern an einer gemeinsamen, zentralen Online-Datenbank namens World Register of Marine Species (WoRMS) – dem weltweiten Inventar aller Arten im Meer. In dieser Datenbank sind eine halbe Million Namen erfasst, die rund 240.000 verschiedene Arten bezeichnen. Diese Namen sind in einem hierarchischen System klassifiziert und mit Publikationen und einer Fülle an weiteren Daten, wie zum Beispiel Bildern, Verbreitungsangaben oder der Information, ob es sich um eine invasive Art handelt, verknüpft.

Der Inhalt dieses Inventars mariner Arten ist kollektives Eigentum des WoRMS Editorial Board (anstelle von einzelnen Personen oder Institutionen) und ist in einer speziellen Datenbank am Datenzentrum des Vlaams Instituut voor de Zee in Belgien beheimatet. Die Editorinnen und Editoren sind über die ganze Welt verstreut und bearbeiten den Inhalt online – Aktualisierungen passieren minütlich. Die Editoren arbeiten ehrenamtlich (so wie viele Editoren wissenschaftlicher Zeitschriften), als Service für die Scientific Community. Die Teilnahme erfolgt nach Einladung und ist prestigeträchtig. Die verantwortlichen Editoren für die jeweilige Art sind in den jeweiligen Datenbankeinträgen sofort ersichtlich, und Nutzerinnen und Nutzer der Datenbank können die Editoren bei Fragen daher rasch und unkompliziert kontaktieren.

Was die Experten denken

Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender des WoRMS Editorial Board, Mark Costello, regt an: „Das bewährte Modell von WoRMS sollte genutzt werden, um das dringend benötigte, globale Register aller Arten der Erde zu schaffen, das kontinuierlich aktualisiert wird.“

Andreas Kroh, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Geologisch-paläontologischen Sammlung des NHM Wien und derzeitiger Vize-Vorsitzender des WoRMS Editorial Board, betont, dass eine solches globales Register nicht direkt innerhalb von WoRMS entstehen müsse, und meint: „Unsere Erfahrung im Umgang mit geistigem Eigentum, den sozialen Aspekten und einer dynamischen, zentralen Datenbank könnte entscheidend für den Erfolg eines Welt-Register aller Arten sein.“

Laut Tammy Horton, der derzeitigen Vorsitzenden des WoRMS Editorial Board, „liegt die Lösung für dieses und andere Probleme in der Forschung in intensiverer Zusammenarbeit innerhalb der Scientific Community“.

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