„Durch die Natur entzückt, durch den Sport begeistert, durchdrungen von der Notwendigkeit, am Arlberg einen bescheidenen Sammelpunkt für die Freunde dieses edlen Vergnügens zu schaffen, fühlten sich die beteiligten Ausflügler bewogen, den Skiclub Arlberg zu gründen.“
Mit diesen blumigen Formulierungen hielten sechs Freunde Anfang Jänner 1901 ihr Motiv zur Vereinsgründung im Gästebuch des Hotels Hospiz in St. Christoph fest. Hier waren sie nach einer Skitour bei strahlendem Wetter und Pulverschnee von St. Anton nach St. Christoph „hängen geblieben“. Bei der Rast soll mehr Wein als Tee getrunken worden sein, bevor es im Mondschein wieder zurück nach St. Anton ging. Am Ziel musste man einem der Kumpanen dann einen Skischuh vom Fuß schneiden. Er hatte sich bei der feuchtfröhlichen Fahrt Erfrierungen zugezogen. Eine „b‘soffene G‘schicht“ also.
Hotspot auf dem Arlberg
Bei der aber der Grundstein für einen Mythos gelegt wurde: Der Skiklub wurde zur Keimzelle des sportlich wie touristisch betriebenen Skifahrens in dieser Hochgebirgsregion an der Grenze von Vorarlberg und Tirol, internationale Strahlkraft inklusive. Diese Positionierung hat man bis heute konserviert. Allein in St. Anton auf Tiroler Seite befüllen zu je rund einem Viertel Gäste aus Deutschland und Großbritannien die insgesamt 11.300 Gästebetten. Nur sieben Prozent kommen aus Österreich.
Drüben, auf Vorarlberger Seite, wo in Lech/Zürs die Zahl der Gästebetten auf 10.000 limitiert wurde, glänzt man in ähnlichen Dimensionen und der, im Verhältnis zu den Hauptwohnsitz-Bewohnern, weltweit größten Dichte an ausgezeichneten Hauben-Lokalen (22 mit insgesamt 54 Hauben-Prämierungen).
Verbunden sind die Tiroler und Vorarlberger „Reichshälften“ seit 2016 durch die Flexenbahn. Nachdem man davor umständlich mittels Skibus pendeln musste, geht das jetzt bequem per Gondel und Sessellift. Rundherum spannt sich mit 300 Pistenkilometern eines der größten Skigebiete der Welt auf. Wobei sich das Besondere für Skifahrer hier nicht auf präparierten Pisten rund um die 85 Liftanlagen abspielt.
Abseits der Pisten
Der Arlberg verdankt seine Sonderstellung im bunten Angebot heimischer Skigebiete vor allem den Abfahrtsmöglichkeiten im freien Gelände, darunter legendäre Skirouten wie „Gaisleger“ und „Knödelkopf“ in der Verwallgruppe oder Varianten vom Schindlerkar und der Valluga in den Lechtaler Alpen. Der Startpunkt für Letztere auf 2811 Meter Seehöhe ist nur mitsamt Guide und nach einer aussichtsreichen Bergfahrt in einer kuscheligen Minigondelkabine der Vallugabahn erreichbar. Eröffnet im Staatsvertragsjahr, feiert die höchstgelegene Seilbahn Österreichs heuer ihren 70. Geburtstag.
Im selben Jahr erweiterte in Zürs die Innsbrucker Hotelierfamilie Skardarasy ihr Portfolio. Nachdem sie 1931 schon das Hotel Flexen in Zürs und Tochter Irma mit ihrem Mann den Gasthof (das heutige Hotel) Post in Lech erworben hatten, kaufte ihr Bruder Ernst 1955 den Zürserhof. Beide waren „skifahrverrückt“ – Irma trug sich in die Siegerliste des legendären Madloch-Rennens ein, Ernst machte sich als Skipionier in Neuseeland und Australien einen Namen, bevor er auf den Arlberg zurückkehrte. Heute führen Laura und Hannes Skardarasy den Zürserhof in dritter Generation.
Fast vor der Haustüre lässt sich in die längste zusammenhängende Skirunde der Alpen einsteigen. Über 85 Kilometer führt der „Run of Fame“ über drei Pässe und 18.000 Höhenmeter von St. Anton über Stuben, Zürs, Lech und Schröcken bis Warth und wieder zurück. Sportliche Ski- und Snowboardfahrer schaffen die Runde an einem Tag.
Wie der Ski auf den Arlberg kam
Genussorientierte Wintersportler brauchen etwas länger, beispielsweise weil sie am Treffpunkt von Trittkopf- und Flexenbahn die „Hall of Fame“ besuchen, eine kleine, feine Ausstellung über die Geschichte des Skigebiets und seine Pioniere. Dort trifft man unter anderem auf die sechs trinkfesten Skiklub-Gründer beziehungsweise Hannes Schneider, der als Gründer der ersten Skischule in St. Anton die „Arlbergtechnik“ erfand, sowie auf die Geschichte jenes norwegischen Ingenieurs, der vor 140 Jahren auf den Arlberg kam, um die Eisenbahnstrecke durch den ein Jahr davor von Kaiser Franz Joseph eröffneten Arlberg-Bahntunnel für Studienzwecke zu besichtigen. Glaubt man den Ortschroniken, brachte der Norweger damals die ersten Ski auf den Arlberg.
Nicht das einzige Jubiläum: 1895 versucht auch der Pfarrer von Lech sein Glück auf Skiern – und wurde als Spinner belächelt. 1905 gibt es den ersten Skikurs, damals noch nur für Einheimische. Vor hundert Jahren nimmt schließlich die erste Skischule in Lech ihren Betrieb auf. Technische Innovationen folgen, wie der erste Schlepplift Österreichs in Zürs und die erste, ausschließlich für den Winterbetrieb konzipierte Seilbahn der Welt auf den Galzig (beides 1937). Pro Stunde transportierte die Gondel 120 Personen auf den Berg.
Ihre Nachfolgerin schafft heute 2200 Personen und firmiert durch eine aufsehende Talstation-Architektur und ein Haubenlokal in der Bergstation als „Sammelpunkt für die Freunde dieses edlen Vergnügens“.