Der Mensch ist ja wirklich ein lustiges Geschöpf. Zu Beginn seines Erwachsenenlebens fühlt er sich zuverlässig von lauter alten Besserwissern umzingelt; kaum kommt er selber in die Jahre, nehmen ringsum die jungen Neunmalklugen überhand.
Man glaubt natürlich, man selbst entkäme diesen Vorurteilen. Für mich kann ich da nur gestehen: Da habe ich mich schon recht oft recht gründlich in mir getäuscht. Aber dieser Tage bin ich wieder einmal randvoll mit Bewunderung für junge Menschen, und zwar anlässlich der vielen Jungen, die derzeit drei Wochen lang auf ihre Smartphones verzichten. Viele haben ganz schön Spundus vor der vielen Zeit, für die sie jetzt neue Betätigungsfelder finden müssen. Das verstehe ich gut.
Handysüchtig? Nein, ich bin natürlich nicht handysüchtig. Keine Spur. Aber ich habe für diesen Text auf meinem Handy nachgeschaut, wie viel Zeit ich ihm widme. Da führt das Smartphone nämlich sehr genau Buch: Seit Montag belief sich mein Tagesdurchschnitt am Gerät auf 3 Stunden und 59 Minuten. (Klingt nach viel? Letzte Woche waren es 26 Prozent mehr.) Gutteils war ich auf Nachrichtenseiten unterwegs (logisch, es ist genug los auf der Welt, wie z.B. hier und hier nachzulesen.) Aber ich, die sich einredet, auf Social Media quasi gar nicht präsent zu sein, habe dort dieser Tage bis zu einer Dreiviertelstunde verbracht. Am Montag, als ich einen freien Tag hatte, war ich fünfeinviertel Stunden online, darunter eine gute halbe Stunde auf einer Garten-Website, die sehr, wirklich sehr ausführlich über den vorschriftsgemäßen Kirschbaumschnitt informiert.
Falls Sie das jetzt nicht sehr interessant finden, sind wir schon zwei: Warum mache ich das? Warum vertrödle ich so viel Zeit im Internet, die ich auch draußen in der Sonne unterm Kirschbaum verbringen könnte?
„Handyabhängigkeit“ ist ein seit 2004 gebräuchlicher Begriff. Dass Handys so entworfen und gebaut werden, dass man sie ungern aus der Hand legt, ist schon fast gleich lange gut bekannt. Einem ehemaligen Google-Designer zufolge sind etliche Smartphone-Features den Wirkweisen einarmiger Banditen und anderer Casino-Spiele nachempfunden. Auch das ist längst bekannt, aber deswegen nicht weniger dramatisch angesichts der Verbreitung, die das Smartphone genießt: 6,8 Milliarden der Geräte waren bereits 2024 in Umlauf, die Handyabhängigkeit, streng genommen nur eine „Verhaltenssucht“, verleitet zu fünf- bis sechsstündigem Gebrauch pro Tag (Tendenz steigend).
Jetzt sind die Inhaber dieser 6,8 Milliarden Handys natürlich gutteils keine Kinder und Jugendliche. Sondern Erwachsene. Die Handysucht, über die man mit den Jungen so gern schimpft, haben sie sich von uns abgeschaut. Jetzt machen sie uns vor, dass es auch ohne geht, zumindest eine Zeit lang. Klingt, als wären sie weit vernünftiger als unsereiner: Die kanadische Waterloo-Universität etwa zitiert eine SellCell-Studie aus dem Jahr 2021, derzufolge 71 Prozent der Befragten mehr Zeit mit dem Handy verbringen als mit Lebenspartner oder -partnerin.
Drei Wochen ohne Mobiltelefon, Social Media, E-Mail, Internet in der Hand. Klingt eigentlich machbar. Mir graut trotzdem davor. Meine erste Ausrede ist gut erprobt (Ich bin nachrichtensüchtig: Berufskrankheit!). Von der zweiten muss ich noch den Namen auswendig lernen: Nomophobie, die Angst, ohne Handy zu sein. Gut, dass wir die Jungen haben, die uns zeigen, dass man sich solchen Ängsten durchaus stellen kann.
Ihnen einen schönen Tag, mit und ohne Telefon!
Herzlich,
Ute Baumhackl