Der Mord an dem konservativen Influencer Charlie Kirk zieht immer weitere Kreise. Der Sender ABC cancelte am Mittwoch die Comedyshow mit Jimmy Kimmel. Der Late-Night-Host hatte angemerkt, dass der Todesschütze der rechten MAGA-Bewegung angehöre und dass die „MAGA-Gang“ den Mord ausnutze, um politisch Punkte einzusammeln.
Mit der – zumindest temporären – Absetzung reagierte ABC auf Druck von Brendan Carr. Der Vorsitzende der Medienaufsicht FCC ist ein republikanischer Anwalt, er hat bei Trumps Wahlplattform „Projekt 2025“ das Kapitel über Medienpolitik geschrieben. Der US-Präsident selbst sagte am Donnerstag in London vor der Presse, Kimmel habe schlechte Einschaltquoten gehabt und sollte für fehlendes Talent gefeuert werden. Schon vor ein paar Tagen hatte MSNBC dem Journalisten Matthew Dowd gekündigt, der den ermordeten Kirk einen „Hassverbreiter“ genannt hat.
Nicht die erste Absetzung
Die Eskalation hat viele aufgeschreckt, Journalisten, aber auch demokratische Politiker. Vor ein paar Wochen hatte der Sender CBS angekündigt, die Late-Night Comedy-Show mit Stephen Colbert beenden zu wollen. Damals solidarisierten sich alle namhaften TV-Komiker.
ABC gehört dem Medienkonzern Disney, und Disney ist auf das Wohlwollen der FCC angewiesen. Schon bei CBS wollte die Muttergesellschaft Paramount mit Skydance Media fusionieren. Das hat die FCC erst genehmigt, nachdem CBS das Ende von Colberts Vertrag angekündigt hatte.
Derweil hat ABC-Vertragspartner „Sinclair Broadcasting“, der in Teilen der USA Kimmels Show ausstrahlt, angekündigt, man werde „Jimmy Kimmel Live!” boykottieren. Der Komödiant müsse sich bei Kirks Familie entschuldigen und Geld an dessen Netzwerk „Turning Point USA“ spenden. Nexstar, ein weiterer ABC-Partner, auf dessen Kanälen Kimmel lief, hatte schon zuvor die Show ausgesetzt. Prompt gab die Trump-Regierung Nexstar daraufhin grünes Licht für einen Milliarden-Deal mit dem Medienkonzern Tegna.
Der nächste auf der Liste konservativer Kulturkämpfer ist Seth Meyers im Sender NBC, auch seine Late-Night-Comedy ist um Anti-Trump-Witze gebaut. Ein noch schärferer Trump-Kritiker ist Jon Stewart auf Comedy Central – auch dieser Sender gehört Paramount Skydance.
Ob es sich bei Kirks Mörder um einen Linken oder Rechten handelt, ist in den USA heiß umstritten. Der 22-jährige Tyler Robinson aus dem US-Bundesstaat Utah ist ein junger weißer Mann aus republikanischem Elternhaus. Auf seine Patronen ätzte er Sprüche aus dem japanischen Videospiel „Hellfire“, darunter: „Catch, Fascist“. Den konservativen Influencer Kirk bezichtigte Robinson der Hassrede.
15-Milliarden-Dollar-Klage
Trump geht währenddessen auch gegen Zeitungen vor, die ihm zu demokratenfreundlich sind. Er hat erst unlängst gedroht, die „New York Times“ auf 15 Milliarden Dollar zu verklagen. Der Grund: Sie habe vor der Wahl fälschlich berichtet, dass er als Baulöwe wirtschaftliche Misserfolge einfuhr. Die Times und Trump befehden sich, seit der Baulöwe in den Neunziger Jahren Konkurs anmelden musste. Eine ähnliche Trump-Klage gibt es gegen den Großverlag Penguin Random House, der dem deutschen Bertelsmann Konzern gehört.
In den USA ist es der Verfassung festgeschriebenen Redefreiheit wegen fast unmöglich, eine Zeitung wegen Beleidigung zu verklagen. Trump kann allerdings Anwälte in Bewegung setzen, die beim Prozessgegner Ressourcen und Geld binden. Andere sind da schon vorauseilend eingeknickt. Die „Washington Post“, die dem Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört, hat ihre einzige schwarze Kolumnistin entlassen, Karen Attiah. Sie hatte auf Social Media gepostet, dass es in Amerika in Sachen Waffenbesitz einen doppelten Standard bei Weißen und Schwarzen gebe.
Sogar ausländische Medien sind nicht sicher: Richard Grenell, der frühere Botschafter von Trump in Deutschland, forderte, dem ZDF-Korrespondenten Elmar Thevessen das Pressevisum zu entziehen. Der hatte Kirk-Zitate sinnentstellend wiedergegeben. Dass Amerikaner nicht-englische Medienformate überhaupt zur Kenntnis nehmen, ist sehr selten, und dass Journalisten ausgewiesen werden, erst recht.
Der Versuch von Republikanern, den öffentlichen Diskurs zu kontrollieren, trifft aber nicht nur Medien: Trumps Generalstaatsanwältin Pamela Bondi will gegen jeden vorgehen, der sich respektlos über Kirk äußert. Auch dies ist mit der Redefreiheit nicht vereinbar – und ohnehin darf man in den USA Tote beleidigen. Dennoch wurden mehrere Dutzend Lehrer, Journalisten und Medienschaffende deshalb bereits gekündigt.