„Bitte geh nicht“, sagt Eva zu Viktor. Und am liebsten möchte man ihr zurufen: „Um Himmels Willen, lass ihn doch gehen. Er ist ein Soziopath, ein Lügner und Blender, er verletzt dich mit Worten und Schlägen, er fügt dir emotionale und körperliche Verletzungen zu, die nie wieder heilen werden.“ All das möchte man dieser Frau sagen, die doch nur eine Figur in einem Buch ist, einem aber doch so nahe geht, dass man sie beschützen möchte, bewahren vor den Fehlern, die sie in den Abgrund stürzen werden.

Eine schmerzhafte Nähe wie diese entsteht nur in sehr guten Romanen – und einen solchen hat die serbische Schriftstellerin Milica Vučković mit „Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen“ zweifelsohne geschrieben. Der Titel ist wohl bewusst irreführend. Die Verletzungen werden nicht beim Sport zugefügt – und sie sind auch nicht tödlich. Aber die Narben, die Eva – die Hauptfigur – durch die emotionale Zerstörungskraft von Männern davonträgt, werden nie wieder heilen. Vučković hat mit diesem Roman, der in ihrem Heimatland zum Sensationserfolg und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, die Chronik eines Untergangs geschrieben.

Die Scham des Opfers

Man mag die Worte „toxische Männlichkeit“ gar nicht mehr in den Mund nehmen, so inflationär werden sie verwendet; doch das Gift, das dieses Frauenleben Schritt für Schritt lahmlegt, wird ausschließlich von Männern versprüht. Eva ist eine starke, hart arbeitende, lebensfrohe Frau, die nur in ihren Beziehungen jedes Selbstwertgefühl verliert und förmlich verschwindet.

Der Ton von Milica Vučković ist harsch, doch durchzogen von einer rauen Poesie und tiefschwarzem Humor. Die Geschichte, die sie erzählt, ist schrecklich, macht aber dennoch Spaß beim Lesen, wofür man sich fast schämt. Scham ist übrigens auch ein Gefühl, das Eva nicht fremd ist. Die Schuld für all die Demütigungen und Entgleisungen der Männer sucht sie, wie viele Frauen im realen Leben, bei sich selbst.

Eva geht mit ihrem Kind aus erster Ehe und Viktor nach Deutschland, dort soll alles besser werden. Wieder ein Irrglaube. Schonungslos legt die Autorin die Mechanismen männlicher Machtausübung und Manipulation bloß. Zuerst wird Liebe geheuchelt, dann folgen die Hiebe. Irgendwann resigniert diese Frau: „Ich spürte, wie in meinem Bauch ein kleiner Wortkrebs einzog, der sich von meinem Schweigen ernährte“. Der Krebs wird nie wieder heilen.

Am Ende des Buchs lässt Milica Vučković wissen, dass dieser Roman auf der Lebensgeschichte einer Freundin beruht. Vorangestellt ist dem Buch ein Zitat des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić: „Es ist vielleicht ein wahres, großes und vollkommenes menschliches Unglück, wenn ein Mensch wegen etwas, das andere ihm antun, stumm vor Ekel und starr vor Scham ist, sodass er sein Recht nicht zu verteidigen weiß und nicht nur Opfer ist, sondern auch noch den Anschein des Schuldigen auf sich nehmen muss.“ Damit könnte er Eva beschrieben haben.

Milica Vučković. Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen. Zsolnay, 190 Seiten, 23,70 Euro.

© Verlag