Für die Bühne war er immer noch zu haben, für gut gebuchte Lesungen und Podiumsgespräche. Seine letzte Theaterrolle aber spielte er schon vor Jahren an seiner geliebten Josefstadt: den greisen Diener Firs in Tschechows „Kirschgarten“, der, als im Stück alles verloren, und das Gut seiner alten Herrschaft versteigert worden ist, allein in deren Haus zurückbleibt: vergessen, eingeschlossen, dem Tod ergeben. Schenk nahm mit diesem Part Abschied vom Theaterpublikum, das ihn ein letztes Mal frenetisch feierte. 2021 war das; das Gehen fiel ihm damals bereits zusehends schwer. „ In der Rolle“, stellte er kurz danach in einem Interview trocken fest, „hab ich das noch benützen können: durch eine Welt taumeln, die es für mich kaum mehr gibt.“
Nun gibt es ihn in der Welt nicht mehr. Otto Schenk ist Donnerstag Früh 94-jährig in seinem Haus am Irrsee gestorben: Das hat sein Sohn Konstantin bekanntgegeben.
Melancholischer Humorist
Als Künstler gehörte Schenk einer Spezies an, die immer rarer wird: jener der Publikumslieblinge, ebenso adoriert von den Amüsierwilligen, die er mit seinen Sketches und Lesungen entzückte, wie von den Liebhaberinnen und Liebhabern der Hochkultur, denen er als Opernregisseur mit Inszenierungen klassischen Zuschnitts bestätigte, dass auch eine Kunst jenseits des Regietheaters noch möglich war.
Reaktionen auf den Tod Otto Schenks
Seine Vortragskunst war einzigartig; tremolierend und voll präzise gesetzter Kunstpausen, mit denen er seinem Publikum „Sternstunden des Humors“ (so der Titel eines seiner Soli) bescherte: heitere Poesie, selbst erlebte und überlieferte Bühnenanekdoten, Improvisation mengte sich da zu einem Cocktail, in dem sich das Geistreiche und das Banale, Weisheit und Burleskes auf das Drolligste verbanden. Dabei sagte er über sich selbst, er lache „sehr schwer und sehr selten“. Wie viele begnadete Humoristen war er von Natur aus melancholisch. Er selbst stellte dazu einmal die Vermutung an, die Heiterkeit sei ihm wohl zu sehr zum Arbeitsmaterial geworden: „Ein Tischler bewundert ja auch nicht den Leim.“
Er lese zwar „um zu unterhalten“, verriet er an anderer Stelle, aber auch „um für Texte zu begeistern, die mich begeistert haben. Ich bin ein Verführer für Dichter, ein Verführer für gute Witze.“ Daraus sei letztlich „ein Nebenberuf geworden, der jetzt fast ein Hauptberuf ist.“
Tatsächlich war es immer schwer, Otto Schenk, dem Vielseitigen, einen Hauptberuf zuzuordnen. Schenk, ein katholisches Wiener Bürgerkind jüdischer Herkunft, wuchs im ersten Wiener Gemeindebezirk auf, war als sogenannter „Mischling“ Repressalien der Nationalsozialisten ausgesetzt.
Er studierte nach dem Krieg am Max-Reinhardt-Seminar, spielte als junger Schauspieler schon am Volkstheater und an der Josefstadt und führte ab 1953, als 23-Jähriger, erstmals Regie. Wie sich’s gehört in Kellertheatern. Im „Simpl“ stand er natürlich auch auf der Bühne.
1957 übernahm er seine erste Operninszenierung (Mozarts „Zauberflöte“ in Salzburg). Die Musik sollte ihm sein Leben lang seine „große Retterin und Helferin“ bleiben - eine Leidenschaft, die nicht unerwidert blieb, denn Schenk machte alsbald international Opernkarriere, ab den 1960ern mit Inszenierungen etwa an der Wiener Staatsoper, in Mailand, in München, London. In New Yorks Metropolitan Opera war der für seine opulenten, traditionalistischen Inszenierungen bekannte Künstler lange ein besonders gern gesehener Gast, noch 2006 inszenierte er dort Donizettis „Don Pasquale“ mit Anna Netrebko und Juan Diego Florez, 1986 einen immerhin bis 2009 gespielten „Ring“, von traditionsbewussten Wagnerianern für seine Nähe zur wahren Vision des Meisters gepriesen.
Weltkarriere als Regisseur
Abgesehen davon war der Künstler der Paradefall des Propheten, der auch im eigenen Land etwas galt: Von den 1960ern bis in die 1990er inszenierte er Dutzende Opern und Sprechtheaterstücke, an der Burg, bei den Bregenzer und bei den Salzburger Festspielen, in deren Direktorium er in den Achtzigern mitwirkte, und von 1988 bis 1997 als Direktor des Theaters in der Josefstadt (gemeinsam mit Robert Jungbluth). An der Wiener Staatsoper hat er insgesamt rund 30-mal inszeniert. Erst Ende 2022 holte das Haus seine „Andrea Chenier“- Inszenierung von 1981 für eine Aufführungsserie mit Jonas Kaufmann aus dem Regal. Noch 2014 hat er dort gearbeitet: Janaceks „Das schlaue Füchslein“: „Liebevoll bebildert er die Fabel vom Älterwerden des Menschen und der ständigen Erneuerung der Natur“, war damals in dieser Zeitung zu lesen. Und nach wie vor hat die Staatsoper Inszenierungen von ihm im Repertoire: Strauss‘ „Rosenkavalier“, Beethovens „Fidelio“, Donizettis „Liebestrank“. Und natürlich Johann Strauß‘ „Fledermaus“, erst zu Silvester wieder im Haus am Ring zu erleben.
Daneben spielt Schenk in rund 30 Filmen mit, und natürlich in zahlreichen Theaterinszenierungen – bei den Salzburger Festspielen mehrmals den Teufel im „Jedermann“ und den Fortunatus Wurzel in „Der Bauer als Millionär“. Und natürlich in seiner Theaterheimat, der Josefstadt, dem Haus, das, wie er feststellte, ihn wie kein anderes geprägt habe: „Ich habe in der Josefstadt die Natürlichkeit im Schauspiel gelernt. Dieses Theater hat meinen Stil geprägt, wo immer ich in der Welt gearbeitet habe. Ich habe es nie verraten.“ Dabei war auch in der Wahl seiner Bühnenrollen die Vielseitigkeit sein Markenzeichen: Er war der Zettel in Shakespeares „Sommernachtstraum“, der Argan in Molieres „Eingebildetem Kranken“, der Bruscon in Bernhards „Der Theatermacher“. Mit seinem Lebensfreund Helmuth Lohner durfte er sich in „Sonny Boys“ nach Herzenslust streiten, und weil sein Publikum einfach nicht genug von ihm bekommen konnte, war insgesamt 470-mal in der Erfolgskomödie „Othello darf nicht platzen“ zu sehen.
Und bis in seine letzten Jahre ließen ihn Bühne und Publikum einfach nicht los. Dennoch schien immer noch Zeit für Bücher, Schallplattenaufnahmen, Vortragsabende zu bleiben. Aber auch für eine innig geführte Ehe mit seiner Lebensliebe Renee. Nach 66 Ehejahren starb die Mutter des gemeinsamen Sohns Konstantin im Frühjahr 2022 96-jährig nach einer langen, schweren Krankheit. Nun ist er ihr nachgefolgt. Für sein Publikum zu früh, für ihn wohl zur rechten Zeit.