So richtig fröhlich waren die Schlagzeilen rund um Österreichs Ferienhotellerie zuletzt ja nicht: rückläufige Betriebsergebnisse trotz gestiegener Auslastung, landesweit fehlen aktuell 14.000 Arbeitskräfte. Und die anhaltende deutsche Wirtschaftsflaute lässt Touri-Einbrüche in der Skisaison befürchten. Da ist es zeitgemäß, dass der designierte nächste Wiener Volkstheater-Chef Jan Philipp Gloger an der Volksoper in seiner Inszenierung von Ralph Benatzkys Operette „Im Weißen Rössl“ auch die Fragwürdigkeiten des Massentourismus aufs Tapet bringt. Man sieht GoGo-Tänzer im Rinderkostüm, die bei der deftigen Hüttengaudi in der „Kuhstall“-Disco anzüglich mit den umgehängten Eutern wackeln. Man sieht Putz- und Stubenpersonal im Hintergrund schuften, während sich die Hotelgäste an der Rampe vergnügen, und kriegt einen Auszug aus Hans Magnus Enzensbergers Essay „Vergebliche Brandung der Ferne“ (1958) vorgelesen, der den Massentourismus als Instrument der kapitalistischen Verhältnisse geißelt. Und puh, man könnte sich von all dem auch ganz schön barsch belehrt fühlen, wenn man sich doch bloß unterhalten will. Aber der streng erhobene Zeigefinger wackelt letztlich so hübsch im Takt dieser aufgekratzten Inszenierung, dass ihn, wer will, auch ganz gut übersehen kann.
Der schöne Sigismund kommt mit dem Paraglider
Zum Glück. Denn das wahlweise als Operette, Revue oder wie an der Volksoper als Singspiel geführte Werk, uraufgeführt 1930 in Berlin, braucht Leichtigkeit und Tempo, damit es sich über Ösis und Piefkes ebenso lustig machen kann wie über Klassenverhältnisse, Familienhierarchien und romantische Klischees. Dass seine so legendäre wie überzuckerte Verfilmung mit Peter Alexander, Waltraud Haas und Gunther Philipp ab 1960 als perfektes Österreich-Vehikel der Wirtschaftswunderzeit fungierte, klingt mehrmals an, daneben bleibt aber reichlich Platz für erwartbare, aber hübsch ausgeführte Gegenwartswitze rund um Jodelkurse, Hitzewellen, Speisekarten („Zigeunerschnitzel, Mohr im Hemd – ach, kann man das jetzt wieder sagen?“). Der schöne Sigismund (gelenkig: Oliver Liebl) ist ein Influencer, der mit dem Paraglider einfliegt, ein Liebespaar kommt einander beim Karaokesingen näher. Sonst ist alles wie gehabt, Kurzversion: Liebesturbulenzen am Wolfgangsee münden in drei Verlobungen.
Mancher Gag wirkt recht bemüht, wird vom temperamentvollen Ensemble aber mit tollem Schwung serviert, angeführt von der großartigen Annette Dasch. Als Rösslwirtin Josepha Vogelhuber sprüht sie gesanglich ebenso wie komödiantisch - mit breit ausgestelltem Dialekt. Dass die rustikale Sprache nichts weiter ist als ein Baustein in der Fassade alpiner Dirndlherrlichkeit, verrät die Berlinerin dann gegen Ende des Abends, im Gespräch mit TV-„Kaiser“ Robert Palfrader. Da bricht die Inszenierung kurz mit dem Blendwerk von Urlaubs- und Operettenseligkeit, und hinter der geschönten „Rössl“- Oberfläche (Bühne: Christoph Hetzer) klafft finstere Leere: Das also bleibt, wenn man dem Publikum immer mehr vom Selben serviert.
Zuvor aber hat sich Palfrader, in Galauniform und von einem Kamerateam begleitet, einen Auftrittsapplaus gesichert. Genauso übrigens wie zum zweiten Mal an der Volksoper gastierende Ex-Talkmaster Harald Schmidt; als knausriger Reiseführerautor singt er – Heiligs Blechle! – gar ein Wienerlied auf Schwäbisch. Götz Schubert als Berliner Grantler und die frisch gebackene Nestroy-Preisträgerin Julia Edtmeier (versiert schwäbelnd!) komplettieren die Komödiantenriege.
Und während Nadja Mchantaf und David Kerber bei „Mein Liebeslied muß ein Walzer sein“ recht direkt zur Sache gehen, streicht Jakob Semotan als verliebter Oberkellner Leopold bei Gassenhauern wie „Es muß was Wunderbares sein“ und „Zuschau‘n kann i net“ die Romantik schön üppig auf. Es wird, zwischen Sauna und Freibad, auch tüchtig getanzt (Choreografie: Florian Hurler), die passende Unterlage bereiten Michael Brandstätter und das Volksopernorchester entlang der erst 2009 wiederentdeckten Uraufführungspartitur mit reichlich Wumms und zwischendurch satt röhrendem Blech. Da schimmert Jazz durch, aber auch alle Mitklatschmomente nutzte das Premierenpublikum, dem Regisseur Gloger als finale Pointe noch ein wirklich realistisches Gegenwarts-Blitzlicht bescherte: Im Schlussbild lassen Josepha und Leopold mit einem prallen Geldkoffer in der Hand die Strapazen der Gastronomie hinter sich, auf dem „Rössl“ prangt ein Verkaufsschild und die Immo-Entwickler wedeln schon mit den Umbauplänen. Langer Applaus.