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Kletterprofi Bernd ZangerlDieser Mann hat die Welt nach Felsen durchsucht

Bernd Zangerl vermisst in seinem Buch die Welt des Boulderns und entführt dabei auch in sein persönliches Shangri-La: Ein Ort, an dem er nach einem schweren Sturz über sich hinauswuchs.

Bernd Zangerl findet am Fels Griffe, die andere gar nicht sehen
Bernd Zangerl findet am Fels Griffe, die andere gar nicht sehen © Ray Demski
 

Wenn es kalt wird im Land, steigt die Chance, die schwersten Felsrouten zu klettern.
Bei den Linien, die der Boulderprofi Bernd Zangerl klettert, sind die Griffe so mikroskopisch, die Züge so athletisch, die Probleme so schwer, dass nur ganz wenige Menschen so viel Kunstfertigkeit aufbringen, sie zu meistern. In diesem High-End-Bereich des Bouldersports müssen alle Komponenten stimmen: die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und die Reibung am Felsen. „Wenn bei den schwersten Bouldern die Temperatur nicht passt, hast du keine Chance“, sagt der Tiroler und fügt hinzu: „Wenn die Reibung nicht passt, hast du auch keine Chance.“


Bernd Zangerl hat sich ganz dem Bouldern verschrieben: dem seilfreien Klettern auf Felsblöcken im Absprungbereich. Die Felsen sind immer nur wenige Meter hoch, aber sie bedeuten dem in Flirsch am Arlberg geborenen Kletterer die ganze Welt. Seine Geschichte hat sehr viel mit der Suche zu tun. Nach perfekten Linien. Die nicht jeder sieht. Aber da sind. Zangerl hat in seinem Leben die Welt nach Felsen durchmessen. „Nur Wenige sind motiviert, zu laufen und zu suchen.“ Aber diejenigen, die unterwegs sind, die zwischen Berg und Tal mäandern, das weiß er mit Bestimmtheit, die finden auch.

Die Königsdisziplin

Für ihn ist das Bouldern nicht nur die Königsdisziplin des Klettersports, sondern auch etwas zutiefst Ästhetisches: „Die Formen und die Ästhetik geben mir die meiste Energie und Kraft.“ Wenn Zangerl vor einem Stück Stein steht, „einem „1000 Meter hohen Berg reduziert auf fünf Meter“, erwächst in ihm die Leistung. Und so ist es nur verständlich, dass sein Buch „Bouldern“ den Athleten und die Athletin als Teil eines Naturkunstwerkes zeigt: Wie sich die abweisend graue Felslandschaft Grönlands über Angie Payne in ihrer rosaroten Jacke stülpt oder eine vom Schnee „behaubte“ übermenschliche Gesteinskugel den Tiroler Korni Obleitner zu erdrücken scheint. „Bouldern geht ins Detail. Beim Bouldern vergisst man sich“, sagt Zangerl. Das Leben als Kletterer trägt in seiner Erzählung ein mönchisches Ideal in sich: Der Sportler wird zum Kletter-Mönch. Zangerl hat so jeden Alpenpass nach Felsen abgesucht: "Gab es Gerüchte über Felsen, so sind wir denen nachgegangen."

Der Sturz

Als ihn ein Sturz im Tessin fast die Kraft zum Klettern raubte, musste er sich neu orientieren: Ein Halswirbel war gebrochen, seine Karriere als Kletterer hing am seidenen Faden. Es ging sogar so weit, dass er mit seiner rechten Hand keine Pfanne mehr halten konnte. Seine Suche nach neuer Kraft führte ihn in ein kleines Bergdorf an der tibetisch-indischen Grenze: Ein Bergsteiger hatte Zangerl von einem wunderschönen Ort im Himalaya erzählt. „Ich hatte nur grobe Anhaltspunkte, diesen alten Trekkingführer aus den 1960er Jahren und ein altes Schwarz-Weiß-Foto.“ Was er im Himalaya fand wurde zu seinem persönlichem Shangri-La. Zu jenem mythischen Ort, den James Hilton in seinem Buch „Der verlorene Horizont“ beschreibt. Dieser fiktive Ort wurde für Zangerl über die Jahre real. „Ich habe mich nach dem Unfall noch mehr mit spiritueller Kraft und Meditation befasst.“ Seine Muskeln schöpften langsam neue Kraft. Und immer wieder kehrte er in sein Shangri-La zurück: „Anfangs habe ich den genauen Standort nur unter Freunden weitergegeben.“ Er wollte verhindern, dass die Menschen in dem kleinen Bergdorf von Touristen überrumpelt werden. „Ich war dort der erste Tourist“, sagt er. Hiltons Buch hat er gelesen und es hat ihn auch inspiriert.

Immer und immer wieder

Shangri-La nannte er auch einen sehr schweren Boulder, den er immer und immer wieder probierte. „Ich probiere lieber Sachen, wo ich mir nicht sicher bin, wie es geht. Man kann aber nicht das ganze Jahr zum gleichen Felsen gehen, das würde der Verstand nicht packen. Man braucht auch Pausen“, sagt Zangerl. Über viele Jahre reiste er immer wieder nach Indien und versuchte sich an Shangri-La und anderen Routen. Irgendwann gelang ihm Shangri-La. Fotograf Ray Demski fing das Licht perfekt ein: Zangerl hängt am Stein, über ihm ragt ein wie handkoloriert anmutender Berg empor, die Felsen ringsum rücken drohend näher. Das ist der Moment, in dem Zangerl sich vergisst: „Wenn du Grenzen verschieben willst, dann kann ich viel Energie entwickeln.“ Verstehen müsse das nicht jeder.

Das Buch

Bernd Zangerl, „Bouldern“, erschienen bei Benevento (Red Bull Media House).
Der Prachtband ist nicht nur für Boulderer interessant, sondern bietet allen Kletterern und „anderen Menschen“ einen Einblick in die „Kunstform“ Bouldern: Porträts von Kletterern und Gebieten runden dieses äußerst gelungene Buch ab.

Der Brite Oscar Eckenstein, ein Pionier aus dem 19. Jahrhundert, sagte, dass Kletterer Vagabunden sein müssen. Als der Autor dieses Artikels ihn am Telefon erreicht, kommt Zangerl gerade von den Bergen herunter. Er lebt seit einigen Jahren bei seiner Lebensgefährtin und ihren drei Kindern in der Schweiz, einen Steinwurf von der österreichischen Grenze entfernt. Dort im Tessin findet Zangerl mitten in der Zivilisation viele unerschlossene Gebirgstäler: „Ich bin jetzt seit 20 Jahren hier, aber ich habe noch immer nicht alles gesehen.“ Seine Suche ist noch nicht zu Ende.

Glossar

Bouldern. Klettern auf Felsen oder in Hallen im Absprungbereich, ohne Seil und ohne Klettergurt. Geklettert wird bis in Höhen von vier bis fünf Meter, im Freien sichert man mit Crashpads (weiche Matten). Ein Boulder ist die Kletterroute am Fels, die aus einigen wenigen Zügen besteht.
Spotten. Stürzt der Kletterer, schupft der Spotter den Stürzenden in Richtung der Crashpads.
Highball. Ein Boulder, der bis zu sieben oder acht Meter hoch ist. Die Grenze zu „Free Solo“ (also dem seilfreien Klettern an Felswänden) ist fließend.
Ursprünge. Bernd Zangerl sagt, dass an Felsen schon immer geklettert wurde. In Fontainebleau wurde 1945 der erste Boulderführer publiziert.
Schwierigkeit. Die Fontainbleau-Skala geht bis 9a. Der erste Mensch, der dies klettern konnte, war der Finne Nalle Hukkataival (www.thelappnorprojekt.com).

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