Wenn man selbst unter Außenseitern eine Außenseiterin ist, dann heißt man wohl Wednesday Addams (Jenna Ortega). Aber bitte jetzt nur kein Mitleid! Sie selbst hat auch keines. Für öffentliche Schulen ist sie ungeeignet, wobei es nicht an der Intelligenz mangelt, es hapert ein bisschen mit der Nächstenliebe und dem Liebhaben generell. In einem Führungszeugnis würde wohl charmant verklausuliert stehen: Sie ist ziemliches dunkles Leuchtfeuer in der allerschwärzesten Nacht.

Kein Wunder, dass sich Regisseur Tim Burton, Großmeister des Horrorkomödiantentums, ausgerechnet diesen nerdigen Spross der schrulligen Addams-Family ausgesucht hat. Wednesday ist der Gegenpart zu jugendlichem Überschwang, die Sonnenfinsternis zum Regenbogen, die schwarze Katze zum Goldhamster. Und er wirft sie hinein in die Nevermore Academy, wo schon ihre Eltern – Catherine Zeta-Jones und Luis Guzmán als Morticia und Gomez Addams – ihr Unwesen getrieben haben. Vampire, Werwölfe und Sirenen gehen hier ebenso zur Schule, aber großes Aufhebens wird darum nicht gemacht, denn im Grunde genommen sind sie alle eines: Teenager.


Burton baut im Kern also eine rasante Coming-of-Age-Serie im Gothic-Look, in der ein Monster in den umgebenden Wäldern nicht nur Wanderer zur Strecke bringt. Dazwischen taucht ein altes Familiengeheimnis auf. Und mittendrin steht also Wednesday, die natürlich auch Italienisch spricht, "weil das die Muttersprache von Machiavelli ist." Ihr erster Schwarm war Sartre und auf Farben reagiert sie allergisch. Sie ist die hellste Torte auf der Kerze, auch, wenn ihr das mit dem Überstrahlen wohl viel zu hell ist. Neben Wednesday verblasst man eben schnell. Sie ist ein "Anti-Harry-Potter" und schmeißt mit lässiger Unterkühltheit Erkenntniswuchteln aus der Unterwelt raus.

Tim Burton singt mit der Serie ein Loblied auf das Anderssein und amüsiert sich gleichzeitig über den Wahnsinn des Gefallenwollens, die Inszenierungswut für andere. Das alles mag die Hauptprotagonistin kaltlassen, und doch sind bei ihr feine Haarrisse in der Schale erkennbar, die ein Herz, ein sehr dunkles Herz erahnen lassen.

Geschliffene Dialoge, deren Witz sich auch über die weiten Strecken der Serie ohne Ermüdungserscheinungen hält, treffen auf ein wunderbar besetztes Ensemble, das an Nerdigkeit schwer zu übertreffen ist. Eingebettet ist das alles in ein düsteres und stimmiges Setting. Bester Nebendarsteller in einer tragenden Rolle: das eiskalte Händchen. Flink und elegant schwingt es die blassen Fingerchen, ein Kümmerer auf leisen Fingerspitzen. Allerliebst!

Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆ (4/5)

"Wednesday", zu sehen ab 23. November auf Netflix.