Neues Album, neue TourJudas Priest: “Das Ende ist nicht nah”

Judas Priest-Sänger Rob Halford (66) sprach mit uns über "Firepower", das neue Album der legendären Metal-Band, über Alter, Lust, Trotz und eine gewisse Alexa.

KONZERT: JUDAS PRIEST
Rob Halford trägt nicht von ungefähr den Beinamen "Metal God" © APA/HERBERT P. OCZERET
 

Er sieht ja wild aus mit seiner Lederkutte und den ganzen Nieten. Doch Rob Halford, 66 Jahre alter Sänger von Judas Priest, ist ein Lieber. Mit sanfter und entspannter Stimme erzählt der Mann, der den ehrfurchtsvollen Beinamen „Metal God“ trägt, über sein Leben als eine der letzten großen noch aktiven Rock-Ikonen, freimütig berichtet er aus seinem Alltag, aber Halford versäumt es natürlich auch nicht, die Klasse des 18. Judas-Priest-Studioalbums „Firepower“ zu rühmen.

Die Platte überzeugt in der Tat gründlich. Harte, schnelle, heftige Nummern gehen einher mit starken Melodien („Never The Heroes“) und gelegentlichen ruhigen Passagen („Guardians“), die Songtexte sind diesmal bemerkenswert politisch und zeitaktuell. Produziert wurde „Firepower“ vom alten Priest-Weggefährte Tom Allom sowie dem jungen Andy Sneap, der zudem  als Gitarrist für Glenn Tipton (70) einspringt. Denn der muss sich – wie erst nach dem Interview mit Rob Halford bekannt wurde - aufgrund seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung weitgehend von der Bühne zurückziehen. Für Judas Priest jedoch gilt: The Show Must Go On.

Mr. Halford, vor Jahren hatten Sie angekündigt, auf Abschiedstournee zu gehen. Jetzt sind Sie immer noch da. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Rob Halford: Das hängt mit der sehr einfachen und für uns sehr schönen Tatsache zusammen, dass wir immer noch so viel Lust haben, unterwegs zu sein, Songs zu schreiben und uns im Studio auszutoben. Judas Priest ist stark und voller Ideen. Diese Ideen wollen wir gern mit unseren Fans teilen.

2019 werden Sie fünfzigjähriges Bandjubiläum feiern.
Halford: Exakt. Wir wissen, dass dies eine besondere Zeit für Judas Priest ist. Das Ende ist nicht nah. Ich habe, wenn ich mal kurz unbescheiden sein darf, das Gefühl, die Welt wartet auf uns und ist bereit für eine ordentliche Packung „Firepower“.

Judas Priest ist nach der Pensionierung von Black Sabbath jetzt praktisch die führende Heavy Metal Band der Welt.
Halford: Tja, wir sind immer noch dabei zu realisieren, dass Sabbath jetzt tatsächlich in Rente sind. Das Leben verändert sich, der Körper verändert sich, irgendwann ist es vielleicht genug. Aber noch nicht für uns!

„Firepower“ ist ein Album mit einer Menge Wucht, Energie und Überzeugungskraft. Fällt es mit zunehmendem Alter nicht schwerer, sich im Studio aufzuraffen?
Halford: Nein. Wir wissen, dass wir unsere Art, Musik zu machen, nicht mehr grundlegend verändern, und unsere Fans wissen, woran sie bei uns ist. Innerhalb dieses Rahmens aber macht es uns Bock, neue Dinge auszuprobieren. Wir sind keine Band, die nur auf plattgefahrenen Pisten unterwegs ist.

Welche Musik hören Sie selbst am liebsten?
Halford: Oh, mein Geschmack ist sehr vielfältig. Das ist bei mir vollkommen stimmungsabhängig. Das kann von Heavy Metal zu Barbra Streisand, Frank Sinatra oder Michael Bublé wechseln. Gerade heute Vormittag hatte ich Lust auf Blues. Ich sagte also beim Frühstück „Alexa, spiel‘ mir Blues“. Und dann verbrachte ich eine schöne Stunde mit Howlin‘ Wolf, Muddy Waters und Cream.

Sie haben also so ein Sprachsteuergerät daheim?
Halford: Oh ja. Ich bin sehr neugierig und aufgeschlossen, was neue technologische Entwicklungen angeht. Sei es im Studio, wo wir heute mehr digital als analog aufnehmen, beim Musikhören, wo ich kein Problem mit Streaming habe, oder eben im Haushalt. Ich finde solche Erfindungen cool. Man sollte sich neuen Errungenschaften stellen, sonst wird man zum Dinosaurier. Nur zu sagen „Ach, Mensch, früher, was war das schön“? Nö. Wir sollten High Tech lieben lernen.

Sind Sie aktiv in den sozialen Netzwerken?
Halford: Yep. Überall, Facebook, Youtube, aber am meisten Spaß macht es mir bei Instagram.

Das ist doch eine Seite für Teenie-Mädchen.
Halford: Finde ich gar nicht! Ich mag das Gefühl, neue Bilder hochzuladen und zu gucken, wie die Leute reagieren.

Es fällt auf, dass Sie in ihren neuen Songtexten, etwa in „Rising Fron Ruins“ oder „Evil Never Dies“ stärker auf das politische Geschehen eingehen als üblich. Wie kam es dazu?
Halford: Ich finde es gerade in der aktuellen Zeit cool und auch wichtig, dass Judas Priest inhaltliche Botschaften verbreitet. Dass wir etwas zu sagen haben und uns innerhalb unserer kleinen Songs in Debatten einschalten. Wir decken ja beides ab: Phantasie und Realität. Manche Songs dienen der reinen Freude und dem Eskapismus, die sind nur dazu da, die Stimmung der Musik als solche zu unterstreichen. Und dann gibt es Stücke wie „Rising From Ruins“, in denen es darum geht, Schwierigkeiten zu überwinden und Widrigkeiten zu trotzen – welche auch immer das sind. Das können Probleme bei der Arbeit, persönliche Krisen oder auch weltpolitische Dilemmata sein. Zu kämpfen und sich aus Tälern wieder empor zu hangeln, das ist ein Kern des Metalspirit als solchem.

Der Song „Spectre“ hat denselben Titel wie der letzte James-Bond-Film. Worum geht es darin?
Halford: Um Big Brother. Wir müssen Acht geben, dass die dunkle Seite des Lebens sich nicht hinter unseren Rücken schleicht und uns in den Würgegriff nimmt. Ich habe ein riesiges Sammelsurium voller Worte, Phrasen, Sätzen, ich bin immer am Sammeln. Wenn Glenn Tipton, Richie Faulkner und ich die Musik geschrieben haben, was in aller Regel zuerst passiert, gehe ich meine Sammlung durch und schaue, was auf die jeweilige Emotion und Richtung des Songs passt. „Spectre“ ist also nicht bei James Bond geklaut, aber es ist gut möglich, dass ich das Wort in mein iPad schrieb, nachdem ich den Film gesehen hatte.

Wäre so ein Bond-Titelsong nicht auch mal was für Judas Priest?
Halford: Oh, ich würde es lieben, den Bond-Song zu singen. So wie mein Freund Chris Cornell es gemacht hat. Oder jetzt Sam Smith, auch ein toller Sänger. Meine liebsten Bond-Songs sind aber nach wie vor „Goldfinger“ und „Diamonds Are Forever“ von Shirley Bassey.

Sie sind gesanglich in Superform auf „Firepower“. Haben Sie Tricks, um ihre Stimme fit zu halten?
Halford: Wenn du gesund bist, passt das mit der Stimme von selber. Und für die Gesundheit muss man was tun, die bekommt man nicht geschenkt. Ich achte auf mich, ich habe soeben das 32. Jahr vollendet, in dem ich ohne Drogen und ohne Alkohol lebe. Ich rauche auch nicht mehr. Sich nicht jede Nacht die Birne wegzuballern, ist so ziemlich das Beste, was du deinem Wohlbefinden antun kannst. Wir gehen jetzt wieder auf eine Welttournee, die wahrscheinlich bis weit ins Jahr 2019 andauern wird, und es ist ein Segen, dass die Stimme noch so gut funktioniert. Wichtig ist für mich, dass ich Phasen habe, in denen sich die Stimme erholen und sich selbst reparieren kann. Denn bei Priest bin ich gesanglich echt auf das Äußerste gefordert. Ich habe mir ein paar Techniken bei klassischen Sängern abgeschaut. Pavarotti zum Beispiel hat einige seiner besten Auftritte recht spät im Leben abgeliefert. Das Gefühl, wie Körper und Gehirn beim Singen zusammenarbeiten, das entwickelst du erst mit zunehmendem Alter.

Spüren Sie die 66 Lebensjahre?
Halford: Reden wir besser gar nicht drüber (lacht). Ja, ich merke schon, dass ich keine vierzig mehr bin. Aber der alte Mann ist gut in Schuss.

Sie leben in Phoenix/ Arizona. Bekommt Ihnen das Wüstenklima?
Halford: Absolut, aber kommen Sie bloß nicht im Sommer hierher, denn dann werden Sie sich fragen, wie zum Teufel der Halford es in dieser Hitze aushält. Wettermäßig ähnelt Phoenix der Sahara, aber doch zum Glück mit Oase. Ich lebe ziemlich in der Mitte eines fünfzig Kilometer langen und recht breiten Tals, von meinem Haus kann ich direkt auf den „South Mountain Park“ blicken, und dort ist es wunderschön. Man kann ganz toll wandern und Motorrad fahren. Ich lebe schon seit den achtziger Jahren in Phoenix und hatte sofort das Gefühl, dies könnte meine Heimat werden. Oder meine zweite Heimat. Denn ich komme aus Walsall bei Birmingham, und ich habe viel Freude am häufigen Pendeln zwischen den Welten. Leider sind meine Eltern in den vergangenen Jahren verstorben, aber meine Schwester und mein Bruder leben in England, ich besuche sie oft. Mein kleines Haus bei Birmingham ist das krasse Gegenstück zu der Weite in Phoenix, und doch verkörpert es für mich: Heimat. Das Herz des Metal schlägt für mich in Walsall.

Handelt der Song „Lone Wolf“ auf „Firepower“ von Ihnen? Sind Sie ein Einsamer Wolf?
Halford: Irgendwie schon. Ich verbringe gerne Zeit mit mir selbst. Ich genieße es, allein zu sein, die Tür zu schließen, Musik zu hören, ein Buch zu lesen. Es gibt einen besonderen Menschen in meinem Leben, mein Partner und ich sind seit 25 Jahren zusammen, aber wir sind beide irgendwo Einzelgänger. Wir geben uns gegenseitig viel Raum. Das Ding mit dem Leben ist ja: Du wirst allein in diese Welt geboren, und du wirst sie auch allein wieder verlassen. Ich habe Freunde, die halten das Alleinsein nicht aus, ich selbst liebe es. Ich denke auch, wenn du dich selbst gern magst, dann fällt es dir auch leichter, andere Menschen zu mögen oder gar zu lieben.

Sie haben sich 1998 während eines MTV-Interviews eher beiläufig als homosexuell geoutet. Heute gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe und vieles andere mehr. Wir sehr hat sich die Welt in den vergangenen zwanzig Jahren verändert?
Halford: Wenn ich mein Leben als schwuler Teenager und junger Heranwachsender mit der heutigen Zeit vergleiche, dann stimmt es: Wir haben viel geschafft, die Menschen sind im Schnitt toleranter und akzeptierender geworden, aber es ist auch noch viel zu tun. Dass wir überhaupt über mein Coming Out reden, und ich rede gern darüber, ist ein Zeichen dafür, dass es eben noch nicht hundertprozentig selbstverständlich ist, schwul zu sein. Es gibt immer noch Ungleichheit und Ungerechtigkeit und Diskriminierung. Wir sprechen heute über Homosexualität, so wie man in den Sechzigern über Rassentrennung sprach. Manche Leute selbst im aufgeklärten Westen denken immer noch, man gehöre in die Hölle. Und im Mittleren Osten würde man Menschen wie mich von der Brücke stoßen. Das ist eine Schande. Ich halte es für sehr wichtig, diese Ungerechtigkeiten immer wieder anzusprechen, und ich tue das auch, wo immer wir auftreten.

Sind Sie gern ein Vorbild für die Menschen?
Halford: Ja klar. Wenn mir auf Facebook die Leute schreiben, ich sei eine Inspiration und ein Held, nun ja, so viel Zuspruch erwartet man nicht unbedingt als schwuler Mann. Ich stehe zu meiner Verantwortung und nehme die Aufgabe an. Aber ich bin erstens ein Metal-Sänger, der zweitens halt schwul ist.

Heavy Metal ist heute eines der populärsten und beständigsten Genres der ganzen Musikwelt. Verblüfft Sie das?
Halford: Aber hallo! Wir waren die schwarzen Schafe, dann lief es kurz gut, dann galten wir als altbacken und gestrig. Heute ist Metal vielleicht größer als das Genre je war. Ich empfinde mein Leben und meine Arbeit als Schatz. Wir tragen die Fackel jetzt noch eine Weile selbst, und dann geben wir sie hoffentlich weiter an die nächste Generation. Heavy Metal wird noch sehr lange sehr lebendig sein.

Firepower. Erschienen bei Sony.
Live sind Judas Priest am 28. Juli in der Wiener Stadthalle zu hören.

Kommentieren