THE POWER OF THE DOG
Einfach macht es einem die Regisseurin Jane Campion mit ihrem zwölffach nominierten Drama „The Power of the Dog“ nicht. Ihr in Venedig gefeiertes und seitdem vielfach ausgezeichnetes Netflix-Drama hebt männliche Archetypen wie den harten Cowboy aus dem Sattel, mehr noch: aus den Boots. Und wie! Bildgewaltig, verstörend und ohne versöhnliche Absicht werden dem Publikum mit diesem Meisterwerk Landschaften und derangierte Seelen hingeworfen, untermalt vom soghaft peitschenden Sound Jonny Greenwoods.
Das Westernmilieu in Montana in den 1920ern, hier alles andere als heimeliger Urzustand, dient als Ausgangspunkt einer Abrechnung mit dem Männlichen. Die Konfrontationslinien bewegen sich zwischen Brutalität und Verletzbarkeit, Wildnis und Zivilisation, Selbstjustiz und Gerechtigkeit, Liebe und Hass.
Nach dem Roman von Thomas Savage wird von zwei ungleichen Brüdern erzählt, die eine Farm betreiben. Der fiese Phil (Oscarnominierung für Benedict Cumberbatch in Höchstform) fällt schon eingangs mit seinen Cowboys in eine Gastwirtschaft ein und macht der Witwe Rose (Kirsten Dunst) das Leben schwer. Phil hänselt sie und ihren zartbesaiteten Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee). Der andere Bruder (Jesse Plemons) tröstet sie. Später treffen sich Phil und Rose wieder: als Schwager und Schwägerin.
Zur Heimat wird die Ranch wegen Phils Attacken für Rose nicht. Nach Campions „Das Piano“ mutiert erneut ein Klavier zu einem Instrument der weiblichen Selbstermächtigung. Phils Partitur der Erniedrigung bringt sie zum Schweigen.
Langsam erfährt man: Hinter Phils Männlichkeitswahn stecken unterdrückte Homosexualität und sein Hass darauf. Szene für Szene dekonstruiert die neuseeländische Regie-Ikone den Typus des weißen Patriarchen anhand aufregend ambivalenter Figuren, wie sie im Hollywoodkino selten sind.
Zwölf Nominierungen machen „The Power of the Dog“ zum Oscar-Favoriten, Jane Campion hat als Regisseurin, Produzentin und Autorin drei Chancen. Ein Streamingdienst würde sich erstmals in den Königsklassen vergolden. Fraglich ist, ob die Academy mutig genug ist für die Abstinenz von Versöhnung, Trost und Selbstbeweihräucherung
Streamen: Netflix

THE EYES OF TAMMY FAYE
Der Oscar für Linda Dowds, Stephanie Ingram und Justin Raleigh in der Kategorie für bestes Make-up und beste Frisuren ist wohl gesetzt: Denn wie diese drei Jessica Chastain in die christliche TV-Predigerin Tammy Faye Bakker verwandeln, ist haarsträubend gut. Der Einstieg in „The Eyes of Tammy Faye“ zeigt Chastain, ihrerseits für die beste Hauptrolle nominiert, im Close-up in Dragqueen-hafter Kriegsbemalung: Der Maskenbildner möchte diese absoften. „Nicht verhandelbar“, sagt Bakker über falsche Wimpern und Lidstrich.
Das nun statt im Kino gleich auf Disney+ zu sehende Biopic von Michael Showalter erzählt zunächst die zuckerlrosa Lovestory zweier verwandter Seelen. Tammy Faye und der charismatische Jim (Andrew Garfield) verknallen sich auf dem College ineinander. Beide wollen eine moderne Glaubensrichtung für alle installieren. Bald mausert sich ihre Bibellehre zum Hit. Die TV-Herde folgt ihnen und die Spendentelefone im Auftrag des Herrn laufen heiß. Tammy Faye mutiert zur evangelikalen Pop-Diva und zur LGBT-Ikone, weil sie sich für Homosexuelle und Aidskranke stark macht. Ihr Lebensstil wird immer verschwenderischer, ihr Umgang miteinander gehässiger. Auch die Neider werden mehr. Als Jim der Vergewaltigung beschuldigt wird und die Entschädigung für die Assistentin aus dem Spendentopf nimmt, ist der Skandal am Kochen.
Das fantastisch ausgestattete Biopic verzichtet auf den Begriff Missbrauch, die Rede ist von Untreue, und übertüncht die Anschuldigungen mit viel trockenem Humor und Schminke. Und trotzdem: Chastains Auftritt ist unverschämt unterhaltsam.
Auf Disney+.

 

DUNE
Denis Villeneuves Wüstenepos empfiehlt sich zwar ausgesprochen für die große Leinwand, ist aber auch schon online verfügbar. Der Sci-Fi-Film, der im Vorjahr weltweit bis Ende Jänner knapp 400 Millionen Dollar an den Kinokassen einspielte, trumpft mit einem Starensemble rund um Zendaya, Rebecca Ferguson, Oscar Isaac oder u. a. Timothée Chalamet auf. Zehn Nominierungen sind die Folge. Sein "Duniverse" werde ein "Star Wars für Erwachsene". Mit diesem Statement traute sich der Kanadier an die Adaption von "Dune". Der Roman von Frank Herbert musste diesen Vergleich schon oft aushalten, obwohl zwölf Jahre vor Georg Lucas’ Weltraum-Märchen publiziert. Die Erwartungen an Meister-Handwerker Villeneuve ("Sicario", "Arrival") waren hoch, vor allem nach seiner geglückten Neuinterpretation eines Kult-Klassikers mit "Blade Runner 2049". Und so viel ist klar: Gescheitert ist Villeneuve an der oft als unverfilmbar bezeichneten Vorlage nicht.
Lesen Sie hier eine ausführliche Filmkritik von Marian Wilhelm.
Streamen: Sky, Amazon, iTunes

 

DON'T LOOK UP
Der vielleicht am meisten diskutierte Film des Jahres – inklusive hohen Polarisierungspotenzials – hat vier Chancen auf einen Oscar: Satire-Spezialist Adam McKay ("Vice") sorgte mit dem Veröffentlichungsdatum 24. Dezember für schwarzhumorige Weihnachten mit Netflix. Die Menschheit sieht in der Endzeit-Farce einer lebensbedrohlichen Zukunft ins Auge und verschwendet ihre Zeit mit tagespolitischem Kleinkram. Adam McKay treibt dieses Szenario im starbesetzten Ensemble (Meryl Streep, Jennifer Lawrence, Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett u. a.) auf die Spitze. Weder Klimawandel noch ein Buchstabe des griechischen Alphabets, sondern ein 10 Kilometer großer "Planet Killer"-Komet bedroht die Erde. (maw)
Streamen: Netflix

CODA
Der Sundance-Filmfestival-Liebling 2021 ist dreifach nominiert: Ruby ist Schülerin und ein "Child of Deaf Adults" (kurz Coda), ein Kind mit gehörlosen Eltern. Jeder Kontakt der Familie mit der Außenwelt verlangt nach der 17-Jährigen als Übersetzerin. Das gilt auch für den Teenager-Albtraum, mit den Eltern zum Arzt zu müssen, weil sich in deren Genitalbereich ein Ekzem ausgebreitet hat und man als Übersetzer ausrücken muss. Der Arzt verordnet "zwei Wochen Sexverbot". Was richtet die gewitzte Ruby ihren Eltern aus? "Nie wieder Sex." Es ist erstaunlich, wie humorvoll Sîan Heders Film geraten ist. Dabei ist Rubys Realität prekär: Die Familie fährt mit einem uralten Kutter hinaus, und man würde nur das Meer rauschen hören, würde die Tochter nicht lauthals singen, während die Fische sortiert werden. Das laute Gegenstück zur leisen Welt ihres Zuhauses bildet Rubys Leidenschaft zum Gesang. Ihr Lehrer, ein Mann, der sich seiner Exaltiertheit nicht schämt, erkennt ihr Talent und öffnet der Schülerin ein Fenster zu einem eigenständigen Leben.
Fantastisch wird "Coda" dort, wo die stille, aber energiegeladene Innenwelt auf die stimmhafte, aber oft verzichtbar laute Welt trifft. Das Ergebnis ist zauberhaft, auch weil Emilia Jones ("Locke & Key") herausragend spielt und der Film sich nicht scheut, hie und da in die Kitschkiste zu greifen. (dh)
Streamen: Apple TV+

THE TRAGEDY OF MACBETH
Die Coen-Brüder kennt man als unzertrennliche Einheit. Nun hat Joel Coen erstmals allein einen Film inszeniert. Die ältere Hälfte des gefeierten Regie-Duos ("Fargo") wagt sich mit der Neudeutung von "Macbeth" an einen der meistbehandelten Shakespeare-Stoffe. In atmosphärischen und surreal anmutenden Schwarz-Weiß-Bildern lässt Coen das Epos für ein neues Publikum wiederauferstehen und kassierte dafür nun drei Oscarnominierungen (beste Kamera, bester Hauptdarsteller, bestes Szenenbild). Den Lord Macbeth, der mit allen Mitteln zum schottischen König gekrönt werden möchte, spielt Denzel Washington famos wie auch Frances McDormand als Lady Macbeth. Die textgetreue Verfilmung ist eine der besseren Shakespeare-Adaptionen der jüngeren Vergangenheit, fern vom gewohnten Galgen-Humor der Coens. (pog)
Streamen: AppleTV+

THE LOST DAUGHTER
Maggie Gyllenhaal ist als Schauspielerin für ihre herausfordernde Rollenwahl bekannt. Nun hat sie für ihr erstaunliches Regiedebüt den Roman "La figlia oscura" von Elena Ferrante adaptiert. "The Lost Daughter" ("Die Frau im Dunkeln") ist eine Erinnerungsgeschichte: Hauptfigur Leda Caruso urlaubt allein auf einer griechischen Insel. Die Begegnungen dort provozieren Flashbacks in ihre frühen 20er. Damals war sie die Hälfte eines Elternpaares zweier Mädchen. Der Film nimmt das Tabuthema auf, dass man die eigenen Kinder nicht genug liebt, dass eine Mutter nicht nur Mutter sein will und dass Kinder kleine Monster sein können – nicht nur im netten Sinne. Gyllenhaal montiert die Zeitebenen überaus kunstvoll. Ein vielversprechender Auftakt einer Regiekarriere und für viele Menschen einer der authentischsten Filme übers Muttersein. Drei Oscarnominierungen für das Drama (bestes adaptiertes Drehbuch, beste Hauptdarstellerin, beste Nebendarstellerin). (maw)
Streamen: Netflix

BEING THE RICARDOS
Die Academy liebt Biopics, Nostalgieverliebtheit und Storys mit dem Blick zurück: Aaron Sorkins Film "Being the Ricardos" passt in dieses Bild. Nicole Kidman und Javier Bardem (beide für die beste Hauptrolle nominiert) verkörpern Lucille Ball und Desi Arnaz, die in den 1950ern in der US-Sitcom "I Love Lucy" das Ehepaar Lucy und Ricky Ricardo darstellten. Ihre leidenschaftliche Show sorgte für Rekord-Einschaltquoten und dafür, dass Kaufhäuser den langen Einkaufsabend von Montag auf Donnerstag verschoben, weil die Kundinnen und Kunden sonst ausgeblieben wären. Alle saßen vor dem Fernseher – so die kollektive Erinnerung. Sorkin komprimiert den Plot auf eine Episode im Jahr 1952, währenddessen zwei Schreckensmeldungen eintrudeln: Die eine behauptet, dass Lucy Parteimitglied der Kommunistischen Partei ist, die andere, dass Desi eine Affäre hat. Kann die Sendung eine Zukunft haben? Als Lucille den Machern auch noch erklärt, sie sei schwanger. Eine schwangere Frau im Fernsehen zu zeigen? Unmöglich. Nebst anderen Schwierigkeiten, in denen das Private und das Politische vermengt werden, geraten Karrieren ins Kippen, dreht sich die Machtspirale skrupellos weiter und wird in enger Studiokulisse von der Essenz des Lebens berichtet: von Liebe, Betrug, Verlust oder Gier. Eine raffinierte, etwas schleppend inszenierte Komödie mit tragischen Elementen, die leider zu harmlos endet. Drei Nominierungen in den Schauspielkategorien. (js)
Streamen: Amazon Prime

SUMMER OF SOUL
1969 fand im selben Sommer wie Woodstock nur zwei Autostunden entfernt ein weiteres Musikfestival statt, das lange Zeit in Vergessenheit geraten schien. Zwischen Juni und August des Jahres versammelten sich beim Harlem Cultural Festival Hunderttausende Menschen, um in einem Park Konzerten von afroamerikanischen Musikerinnen und Musikern beizuwohnen. Mit dabei waren Soul- und R&B-Größen wie B. B King, Nina Simone oder Stevie Wonder. Als Ordner waren Mitglieder der Black Panther im Einsatz. Das mehrtägige Festival symbolisierte eine Aufbruchsstimmung, die dem vornehmlich schwarzen Publikum in unsicheren Zeiten Hoffnung auf eine baldige kulturelle Revolution bot.

Nicht umsonst wurde es des Öfteren auch als "Black Woodstock" bezeichnet. Im Gegensatz zum großen Get-together der Hippiebewegung wurde dem Harlem Cultural Festival medial doch kaum Beachtung geschenkt. Das damals gefilmte Material wurde nie veröffentlicht und versauerte über Jahrzehnte in Kellerarchiven – bis heute.
Streaming: Sky, Disney+