Ein kleiner Film räumte den größten Preis bei den 94. Academy Awards ab. "Coda" erhielt den Oscar in der Königsklasse bester Film, bestes adaptiertes Drehbuch und Schauspieler Troy Kotsur wurde als bester Nebendarsteller geadelt. Was für eine Überraschung bei den heurigen Oscars. Und: Erstmals wurde der Film eines Streaminganbieters mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Das Coming-of-Age-Drama ist auf AppleTV+ zu sehen.

Ruby ist Schülerin und ein "child of deaf adults" – kurz Coda. Ihre Eltern sind ebenso taub wie ihr Bruder, jeder Kontakt zur Außenwelt verlangt nach der 17-Jährigen als Übersetzerin. Das gilt auch für den Teenager-Albtraum, wenn man mit den Eltern zum Arzt muss, weil sie im Genitalbereich ein juckendes Ekzem stört. Der Arzt verordnet "zwei Wochen Sex-Verbot". Was richtet Ruby ihren Eltern aus? "Nie wieder Sex." Fremdschämen ist auch angesagt, wenn die Eltern, die ihre Flucht in kleinen Verrücktheiten suchen, ihre Tochter mit ihrem Auto und mit Rapmusik in Stadionlautstärke von der Schule abholen.

Es ist erstaunlich, wie humorvoll Sîan Heders Film über die Familie aus Massachusetts ist, die im Prekariat zu Hause ist. Der Vater fährt mit seinem Sohn und Ruby auf einem Kutter aufs Meer hinaus und man würde nur das Meer rauschen hören, würde die Tochter nicht lauthals singen, während die Fische sortiert und in Eis eingelegt werden. Im Hafen streitet die Tochter mit den Zwischenhändlern über den Preis und muss sich zu oft mit geringen Beträgen abspeisen lassen.

Das laute Gegenstück zur leisen Welt ihres Zuhauses bildet Rubys Leidenschaft für Gesang. Ihr Lehrer, Berrrrnarrrdo (rrr!), ein Mann, der sich seiner Exaltiertheit nicht schämt, erkennt ihr Talent und öffnet Ruby ein Fenster zu einem eigenständigen Leben, was logischerweise zu einem schmerzhaften Abnabelungsprozess von ihrer Familie bedeutet.

An dieser Stelle unterscheidet sich "Coda" nicht bedeutend von den landauf, landab produzierten Coming-of-Age-Geschichten. Fantastisch wird der Film dort, wo die stimmhafte aber zu oft verzichtbar laute Welt, mit der stillen und dennoch energiegeladenen Innenwelt, auf Tuchfühlung gehen. Das Ergebnis ist zauberhaft, auch weil Emilia Jones ("Lockey & Key") herausragend spielt, bei der Besetzung authentisch auf nicht hörende Menschen Wert gelegt wurde und weil sich der Film nicht zu schade ist, einmal in die Kitschkiste zu greifen. Ein kluger, feiner Wohlfühlfilm.