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Gespräch mit Christian KeuschniggChristian Keuschnigg: „Was wir brauchen ist Risikokapital“

Die Frage „Wohin mit dem vielen Geld?“ steht im Zentrum der vierten Ausgabe des Medien.Mittelpunkt.Ausseerland. Christian Keuschnigg, ehemaliger Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS) und Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen, stand als Referent am Podium der Auftaktveranstaltung. Im Gespräch mit Noël Križnik erklärt er, wie es um Forschung und Lehre in Österreich steht, warum Keuschnigg nichts von einem Grundeinkommen hält und über die Bedeutung des Wissenstransfers zwischen Theorie und Praxis.

Medien.Mittelpunkt-Stipendiat Noël Križnik im Gespräch mit Christian Keuschnigg
Medien.Mittelpunkt-Stipendiat Noël Križnik im Gespräch mit Christian Keuschnigg © Jakob Kramar-Schmid
 

Warum haben Sie das IHS verlassen und sind an die Universität St. Gallen gegangen?

Keuschnigg: Ich war eigentlich immer an der Universität St. Gallen, habe aber, als ich das IHS geleitet habe, meine Professur reduziert und danach wieder aufleben lassen. Der Grund war, dass es am IHS strategische Uneinigkeiten gab und ich für meine Pläne im Kuratorium keine Unterstützung gefunden habe. Ich kann nur den Plan vertreten, den ich für richtig halte und wenn sie eine andere Richtung wollen, müssen sie einen passenden Direktor suchen.

Was ist für Sie das Besondere am Lehren?

Eine Professur war eigentlich von Beginn an mein Lebenstraum. Man ist sehr unabhängig auf der Universität, hat natürlich Lehrverpflichtungen, aber die Forschungsthemen bzw. die wirtschaftspolitische Ausrichtung kann man selbst bestimmen. Der hohe Selbstbestimmungsgrad hat mich fasziniert. Und man bleibt natürlich ständig im Kontakt mit jungen Leuten, von denen man auch gefordert wird.

Wie viel Geld braucht eine Universität um Lehre und Forschung zu finanzieren? Wie sieht die Situation in Österreich aus?

In der Schweiz ist die Situation grundsätzlich anders als in Österreich. Die Universität St. Gallen hat einen hohen Drittmittelfinanzierungsanteil, das liegt auch an der Managementausrichtung. Die österreichischen Universitäten haben im Vergleich zu denen in der Schweiz enormen Nachholbedarf. Wenn man jetzt die TU Wien mit ETH Zürich oder die Universität Wien mit der Universität Zürich vergleicht, dann ist die Lehrbelastung in Österreich deutlich höher, wenn nicht sogar doppelt so hoch. Das heißt natürlich, dass die Professoren sehr viel mehr Zeit in die Betreuungsarbeit stecken müssen und die Forschung darunter leidet. Auch die Ausstattung mit Forschungsmitteln ist sehr viel geringer als in der Schweiz. In einer innovativen Wirtschaft wird die Grundlagenforschung umso wichtiger, je mehr das Land zur Innovationsgrenze vorstößt, also innovation leader wird. Dann wird es umso wichtiger zu investieren, besonders von staatlicher Seite.

Was halten Sie von privatwirtschaftlicher Finanzierung im universitären Bereich? Wie weit darf sie gehen ohne die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung zu gefährden?

Es gibt natürlich insofern eine privatwirtschaftliche Finanzierung, als dass es eine Drittmittelfinanzierung gibt. Die muss man sich genauer anschauen. Da gibt es akademische Drittmittelfinanzierung, aber auch die Kooperation mit der Privatwirtschaft. Gerade technische oder naturwissenschaftliche Universitäten haben große Kooperationsprojekte mit der Privatwirtschaft und da wird dann ein Teil der Grundlagenforschung an der Universität mitfinanziert. Der andere Aspekt ist der, dass die Universität natürlich auch mit Studiengebühren finanziert werden kann, wie das in der Schweiz üblich ist. Dort sind Studiengebühren relativ moderat und Studierende, die talentiert sind, aber aus weniger begüterten Elternhäusern kommen, müssen mit Stipendien unterstützt werden. Wenn dieses Geld dann den Universitäten zugutekommt, ist es ja auch eine marktwirtschaftlich orientierte Teilfinanzierung. Grundlagenforschung ist eine klassische Staatsaufgabe, die muss einfach basisfinanziert werden.

Wie funktioniert der Wissenstransfer zwischen Universitäten und der politischen Praxis in Österreich? Können Professoren auf die Politik einwirken?

Das werde ich oft gefragt. Der Wissenstransfer ist ein generelles Problem. An den Universitäten schlägt man oft Dinge vor, die grundsätzlich Sinn machen, aber politisch schwer durchsetzbar sind. Für Politiker steht die Durchsetzbarkeit im Vordergrund. Können Sie es verkaufen, werden sie wiedergewählt. Das andere ist, Professoren müssen ihr Wissen auch in die Medien bringen, damit die breite Bevölkerung informiert wird. Wenn auf die Art und Weise bestimmte Themen oder Lösungsansätze thematisiert werden, dann wird das auch politisch diskutiert. Wenn die Politik auf etwas reagiert, dann ist es öffentliche Meinung. Die andere Einflussnahme entsteht indirekt durch die Studenten. Wenn sie mit dem Wissen aus der Ausbildung und mit der Überzeugung hinausgehen, kann dieser Transfer in Politik oder Wirtschaft Ausdruck finden. Der Wissenstransfer in die Privatwirtschaft entsteht außerdem durch Grundlagenforschung. Das ist der wichtigste Input und da braucht es auch Mechanismen, damit der Zugang zu der Grundlagenforschung durch die Privatwirtschaft verbessert und gewährleistet wird.

Um auf die Lehre zurückzukommen, ich habe im Bachelor Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien studiert. Dort gab es öfters unter den Studierenden die Diskussion, ob die Lehre nicht zu einseitig sei und ausschließlich die sogenannte Neoklassik gelehrt werde und alternative, pluralistische Ansätze zu wenig Anklang fänden. Was sagen Sie dazu?

Das sehe ich nicht so. Ich finde, dass die Forschung in der Volkswirtschaftslehre sehr divers ist. Es gibt ja neue Bereiche in der Forschung, die jetzt große Bedeutung erlangt haben, wie zum Beispiel die experimentelle Ökonomie. Da werden ganz neue Ansätze erforscht und man muss auch dazu sagen, dass die Neoklassik wahnsinnig flexibel ist. Eine Sturheit oder Engstirnigkeit kann es nur von Forschern oder Leuten, die selbst politisch verbohrt sind, geben. Dann wählen sie nur bestimmte Ansätze, aber das Fach an sich bietet eine unüberschaubare Vielfalt von Methoden und Werkzeugen, mit denen wirtschaftspolitische Probleme gelöst werden können. Ich habe natürlich nichts gegen heterodoxe Ansätze, aber auch diese Ansätze müssen sich in der empirischen Forschung verifizieren lassen. Eine Theorie ohne empirischen Rückhalt ist tot. Das gilt auch für die heterodoxe Ökonomie.

Wäre das bedingungslose Grundeinkommen ein Mittel, um das Problem der Armut zu bekämpfen, auch angesichts der Tatsache, dass sich die Jobs in Zukunft verringern werden, Stichpunkt Industrie 4.0. Das Thema ist ja heute in aller Munde. Was halten Sie davon?

Nichts. Ich wehre mich einfach dagegen, dass ein Millionär oder irgendein Spitzenmanager ein Grundeinkommen bekommt. Das macht überhaupt keinen Sinn. Man nimmt ihm auf der einen Seite Steuern, um ihm auf der anderen Seite sein Grundeinkommen zu finanzieren. Die Leute sind an niedrigen Steuern interessiert und wollen kein Grundeinkommen und am unteren Ende haben wir einen ausgebauten Sozialstaat, da gibt es das Grundeinkommen in Form der Mindestsicherung schon. Über die Höhe kann man natürlich immer streiten, aber es gibt im sozialen Netz eine letzte Sicherungsebene mit dem Ziel, die Leute wieder in das Arbeitsleben zurückzubringen.

Die Sozialversicherung ist trotzdem gebunden an eine Erwerbstätigkeit. Wenn wir davon ausgehen, dass es in Zukunft weniger Arbeit gibt, dann gerät das System in Finanzierungsschwierigkeiten.

Die Sozialversicherung ist an die Beitragsleistung gekoppelt und setzt vorher wenigstens eine genügend lange Erwerbstätigkeit voraus, in der eingezahlt worden ist. Aber die Mindestsicherung ist dann nicht mehr gekoppelt. Ich glaube ja nicht, dass es, und die neuere Forschung zeigt es, einen Kahlschlag an Jobs geben wird. Die große Herausforderung an der Digitalisierung ist, dass die Jobs einfach wesentlich anders ausschauen werden als in der Vergangenheit und dass die Leute plötzlich andere Dinge können müssen. All jene, die die Grundausbildung schon gemacht haben, müssen in ihrem Lebenszyklus plötzlich völlig andere Dinge lernen. Bei jedem Strukturwandel gibt es dann Verlierer. Das kann man nicht bestreiten. Von daher ist das sozialstaatliche Versicherungsnetz stärker gefordert. Wenn das der Fall ist, dann muss ich die Unterstützung wirklich gezielt und sparsam einsetzen, damit ich nicht mit den überbordenden Steuerlasten die wirtschaftliche Entwicklung abwürge.

Der Titel der Veranstaltung lautet „Wohin mit dem vielen Geld?“. Gibt es tatsächlich zu viel Geld und wo fließt das hin?

Wir haben heute eine Niedrigzinsphase und relativ viel Sparangebot. Die Leute werden älter und müssen daher mehr ansparen. Kapitalgedeckte Pensionssysteme müssen sehr viel mehr Kapital bilden und dadurch kommt vermehrt Sparkapital in die Volkswirtschaft. Ich würde aber sagen, dass wir nicht zu viel Sparkapital haben, sondern eher dass wir ein Portfolioproblem haben. Wenn jeder ein Sparbuch haben will und nur sichere Assets kaufen will, dann haben wir eben zu viel davon. Was wir aber brauchen ist Risikokapital in einer Wirtschaft, die viel Innovation leisten will. Mit mehr Eigenkapital sinkt die Verschuldungsquote und dann könnte ein Großteil der Sparer oder Investoren auch ein bisschen mehr in risikobehaftete Anlagen investieren. All die großen Start-ups wie Google, Uber etc. wurden ja auch mit viel Beteiligungskapital aufgebaut. Das Problem entsteht dann, wenn sich die unheimlichen Erträge auf zu wenige Eigentümer verteilt, ohne dass die breite Bevölkerung davon profitieren kann. Ein Weg, durch den die breite Bevölkerung partizipieren kann, wären zum Beispiel Pensionsfonds, die sehr stark in die Wirtschaft investieren. Das ist in den USA so, in der Schweiz, in den Niederlanden, bei uns in Österreich halt leider nicht.

Eine persönliche Abschlussfrage hätte ich noch an Sie: Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Geld ist schon wichtig, aber ich betrachte das Geld oder das Einkommen, das ich habe, eher als Erfolgsmaßstab, als dass ich es physisch brauche. Wenn jemand entlohnt wird, dann ist das eine Entschädigung für eine Leistung.

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